Megatrends: Auswirkungen auf das Feuerwehrsystem

Im Rahmen der ÖBFV-Führungsseminare 2017 wurden von mehr als 250 Feuerwehr-Führungskräften aus ganz Österreich in Workshops aktuelle Mega-Trends diskutiert, deren Wirkung, Chancen und Gefahren sowie mögliche Maßnahmen erarbeitet. Die Detailergebnisse wurden dokumentiert, zusammengefasst und stehen nun für die weitere strategische Planung auf Landes- und Bundesebene zur Verfügung.

Migration / Globalisierung
Der Trend „Migration“ steht für eine große Herausforderung für die Feuerwehr der Zukunft. Zentren, in denen sich Migranten geballt aufhalten, erfordern eine neue Einsatztaktik und ein Umdenken in den grundlegendsten Vorgehensweisen im Einsatz. Barrieren in den Bereichen Sprache und Kultur müssen überwunden werden. Eine extreme Ausprägung dieses Trends kann sein, dass Migranten auf Grund ihrer Erfahrung mit Uniformierten teilweise auf die „Uniform“ der Einsatzkräfte reagieren. Aufgrund der kulturellen Unterschiede ist auch generell das Interesse nur eingeschränkt gegeben, sich ehrenamtlich bei freiwilligen Feuerwehren zu engagieren. Flüchtlingsströme, verursacht durch Unruhen, Krieg und Klimaveränderungen, werden diesen Trend voraussichtlich noch verstärken. Der Trend „Globalisierung“ beschäftigt sich mit der neuen Weltgemeinschaft. Nationalität verliert mehr und mehr an Bedeutung, während die unmittelbare Region immer wichtiger wird. In diesem Sinne liegt die neue Herausforderung an Feuerwehren in der Regionalisierung und dem Zusammenschluss von Feuerwehren – auch in Hinblick auf Kapazitätsausgleich, Finanzmittel und Wissensaustausch.
Feedback aus der Diskussion: Die Masse der Teilnehmer sieht darin eine Chance, neue Mitglieder zu gewinnen, Sprache, Kultur und Vorurteile sind aber Hemmschwellen, die es abzubauen gilt.

Gesundheit und „Silver Society“
Der verantwortungsvolle Umgang der Feuerwehren mit psychischen und physischen Belastungen kennzeichnet den Trend „Gesundheit“. Unter anderem setzt man im Feuerwehreinsatz und -alltag vermehrt auf Reduktion von Belastungen und auf die Überwachung und Kontrolle von diversen Vitalparametern. Gesundheit bedeutet dabei nicht mehr nur das Gegenteil von Krankheit, sondern ein Bewusstsein für die Balance der individuellen Lebensenergie und -qualität. Der Wunsch nach Wohlbefinden und die Bereitschaft, dafür selbst Verantwortung zu übernehmen, steigen auch bei den Feuerwehrleuten. Dafür müssen geeignete Rahmenbedingungen geschafft werden. Als Teil des Gesundheitsmanage-
ments setzt man verstärkt auf die laufende Überwachung der Vitalfunktionen im Feuerwehreinsatz. Die Lebenserwartung steigt auf der ganzen Welt. Es entsteht eine „Silver Society“. Auch im Feuerwehrbereich gilt: Wir alle werden nicht nur älter, sondern altern auch anders – und vor allem werden wir später alt. Für Feuerwehren bedeutet dies eine große Chance. Je länger die Einsatzkräfte aktiv bleiben und je größer ihre Erfahrung ist, umso mehr steigt die Schlagkraft der Feuerwehr. Auch ist in diesem Zusammenhang die Weitergabe von Praxiserfahrung und handwerklichen Fertigkeiten der älteren Generationen an die jüngeren als wichtigster Aspekt zu erkennen. Damit einher gehen neue Anforderungen an Einstieg, Bedienung und Fahrzeugeigenschaften, die für unterschiedliche Generationen innerhalb einer Feuerwehr geeignet sein sollen. Neue Technologien und Unterstützungs-Tools können z.B. beim Heben von schweren Lasten die natürliche Körperkraft unterstützten.
Feedback aus der Diskussion: Das Thema wird bereits aktiv von den Verbänden behandelt, weitere Maßnahmen zur Gesundheitsförderung für Feuerwehrmitglieder werden als notwendig angesehen.

Mobilität / Konnektivität / Neo-Ökologie
Mobilität ist eine Grundvoraussetzung in unserem Leben geworden. Feuerwehren sehen sich durch die neue Mobilität geänderten Einsatzszenarien gegenüber. Die Mobilitätsvielfalt (E-Mobilität, Multifunktionalität, intelligente Fahrzeuge etc.) schafft bisher ungekannte Anforderungen für die Einsatzkräfte – bietet aber umgekehrt auch neue Möglichkeiten für Feuerwehrfahrzeuge. In Bezug auf Nutzungsdauer, Nutzungsart, Anfahrtaktik oder Einmannbedienung liegen ebenso große Chancen im Trend „Mobilität/Verkehr“. Darüber hinaus steigt die Erwartung an möglichst effiziente, leise und saubere Antriebssysteme bei den Feuerwehren. Konnektivität bezeichnet die neue Organisation der Menschheit in Netzwerken. Damit einher geht die neue Form der Kommunikation. Über das „Internet der Dinge“ kommunizieren nicht mehr nur Menschen miteinander, sondern auch Menschen mit Maschinen und Maschinen untereinander. Intelligente Systeme in Fahrzeugen, Gebäuden sowie in der Einsatzbekleidung verändern die Arbeit der Feuerwehren. Umgekehrt liegt in den allseits vorhandenen Informationen eine große Gefahr des „ungesunden Halbwissens“. Ebenso nimmt die Abhängigkeit von neuen Technologien stetig zu. Es steigt die Erwartung, immer verfügbar und online zu sein. Für die Feuerwehren bringt das neue Umweltbewusstsein (Trend „Neo-Ökologie“) ein Umdenken im Bereich Löschmittel, Schadstoffreduzierung und Abhängigkeit von Strom mit sich. Auch Naturkatastrophen und Klimawandel sind Bereiche, die vermehrt an Bedeutung gewinnen. Sie bringen neue Anforderungen an die Feuerwehren mit sich.
Feedback aus der Diskussion: Die Teilnehmer wünschen sich Information und Ausbildung zur fortschreitenden Technologie und die rechtliche Absicherung für die Erfüllung der Aufgaben bei geänderten Rahmenbedingungen.

Gender Shift
Der Trend „Gender Shift“ zeigt einen grundsätzlichen Wandel der klassischen Geschlechterrollenverteilung in unserer Welt auf. Immer mehr Frauen interessieren sich für den Feuerwehrdienst, Gleichberechtigung ist auch im Feuerwehrwesen ein wesentliches Schlagwort. Mit dem vermehrten Einsatz der Feuerwehrfrauen ändern sich auch die Anforderungen an die Bedienung der Gerätschaften und an die Fahrzeugeigenschaften. In der Tagesverfügbarkeit und ergänzenden Kompetenzen liegen die großen Chancen des Trends Gender Shift. Denn auch der zeitweise Rollenaustausch bei der Kindererziehung beeinflusst die gewohnte Verfügbarkeit.
Feedback aus der Diskussion: Jüngere Teilnehmer stehen dem Thema offener gegenüber. Die Vorteile durch Frauen im System und die damit verbundene Wertschöpfung wurden von einzelnen Teilnehmern sehr positiv dargestellt.

Verstädterung (Urbanisierung) und Landflucht / veränderte Arbeitswelt
Der Trend der Urbanisierung stellt Feuerwehren vor neue Herausforderungen. Städte verdichten sich mehr und mehr. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit leben mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Bis zum Jahr 2050 wird prognostiziert, dass bis zu 74% der Menschen in Städten leben werden. Entsprechende Gefahrenpotenziale sind damit verbunden. Auch Freiwilligkeit und Ehrenamt haben in der anonymisierten, urbanen Welt wenig Bedeutung. Auf der anderen Seite reduziert sich durch die Landflucht das junge Personal in ländlichen Feuerwehren, was zu Herausforderungen betreffend Einsatzverfügbarkeit am Land führen kann. Die neue Arbeit (New Work) spiegelt den Trend zur Sofortgesellschaft wider. Auch Feuerwehren befinden sich in dem Spannungsfeld, das durch den Wandel von Industrie- zur Wissensgesellschaft entsteht. Fachkräftemangel, Planbarkeit und Tagesverfügbarkeit sind die Schlagworte, die diese neuen Herausforderungen beschreiben. Darüber hinaus schwinden handwerkliche Fähigkeiten bei der Bevölkerung. „New Work“ ist von sozialen Netzwerken und Zusammenarbeit dominiert. Die neue Art der Kommunikation und die intensive Kapazitätsvernetzung werden die Arbeitsweise der Feuerwehren mitprägen.
Feedback aus der Diskussion: Die Führungskräfte aus größeren Einheiten in den Städten und dem „Speckgürtel“ beklagen die mangelnde Bereitschaft, Mitglied einer Feuerwehr zu werden. Gleichzeitig ist die städtische Bevölkerung sehr hilfsbedürftig. Die Feuerwehren in den kleinen Einheiten beklagen die geringer werdende Tagesverfügbarkeit ihrer Mitglieder.

Wissenskultur / Wissensmanagement und Individualisierung
Wir sind am Weg von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. „Wissenskultur“ als Trend beschreibt, wie sich Lernen und Ausbildung im Zeitalter der Wissensexplosion und Virtualität verändern. Bildung ist dabei ein Schlüssel zur Welt. Digitale Medien verschaffen immer leichteren Zugang zu einer immer größer werdenden Informationsmenge. Online- und Live-Video-Schulungen ermöglichen es, Schulungen auch über größere Entfernungen hinweg in Echtzeit durchzuführen. Simulatorisches Training bekommt aufgrund der hohen Komplexität der Anforderungen größere Bedeutung. Der Trend „Individualisierung“ gehört zu den größten treibenden Kräften, welche Gesellschaft und Wirtschaft massiv verändern – und das weltweit. Feuerwehren sind in dieser Gesellschaft, die uns immer mehr Freiheiten gibt, uns aber auch immer stärker unter Entscheidungsdruck setzt, dennoch eine wesentliche Stütze, bei der Werte wie Zusammenhalt und Kooperation zählen. Technische Systeme müssen sich an die individuellen Anforderungen flexibel anpassen.
Feedback aus der Diskussion: Das geforderte, hohe Maß an Wissen im Feuerwehrsystem ist bekannt und wird als Belastung gesehen. Im Besonderen die rasche Geschwindigkeit der (Wissens-) Veränderung ist belastend. Ausbildung und Wissen sollen akkordiert und einheitlich dargestellt und zugänglich gemacht werden.

Foto: Rosenbauer

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