ÖBFV Terminkalender

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Schneiders „Einsatzaufarbeitung“

Schneiders "Einsatzaufarbeitung" 
oder
„Wenn die Seele um Hilfe schreit“

Anmerkung: Verletzte, Tote, menschliches Leid – immer wieder werden Feuerwehrkameraden damit konfrontiert. Ganz schlimm wird es, wenn eigene Leute betroffen sind. Lange vor Einführung von SvE (Stressverarbeitung nach belastenden Ereignissen) und Peers erkannte Dr. Hans Schneider die Notwendigkeit, mit den Kameraden das belastende Einsatzgeschehen im Gespräch zu analysieren und ihnen damit Angst, Selbstvorwürfe usw. zu nehmen. Seine Aufgabe als Redakteur trat in den Hintergrund, die Berichte spiegeln dafür die kameradschaftliche Aufarbeitung, wie nachstehende in „brand aus“ veröffentlichte Beispiele zeigen. (Wiedergabe in der damaligen Rechtschreibung).

 

 

Handb. „brand aus“

 

 Seite  Jahr Nr. Seite   Titel 
 1 1978  7  228  Gasexplosion St. Pölten 30. Mai 1978
 Die Feuerwehr wußte nichts von Gasarbeiten
 5 1978 7 235 Drei wichtige Fragen
 Wie kam es zur Explosion? 
 Warum mußte Franz Hayden sterben?
 Wer wurde verletzt?
 6 1978 7 236 FF St. Pölten-Wagram nachher
 7 1978 7 236 FF St. Pölten-Stadt nachher
 7 1978 7 238 Krankenhaus: „Größte Hochachtung!“
 8 1981 3 84 Hier Florian Amstetten, Einsatzmeldung
 10 1981 3 86 Der langsame Tod des Karl Knappe

 

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(Siehe auch in der Serie „menschlich ... 31 – Wie hält der Feuerwehrmann die Belastung aus?“

 

Ablage unter: Schneiders Serie „Einsatzaufarbeitung“ - Handbuch zur Feuerwehrgeschichte

Ausgabe: April 2005/2

 

Ablage unter: Schneiders „menschlich“-Serien

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: März 2005

 

Ablage unter: Einführung i. d. Fw-Geschichte

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: Mai 2000

 

Gasexplosion St. Pölten 30. Mai 1978

Dieses „brand aus“ war fast fertig zusammengestellt, als uns am 30. Mai 1978 die Nachricht von der großen Gasexplosion in St. Pölten erreichte. Sofort haben wir wichtige Artikel, die bereits gesetzt waren, zurückgestellt, um genügend Platz zu haben für die Berichte über den folgenschwersten Einsatz, den niederösterreichische Feuerwehren seit der Katastrophe in Ortmann kurz vor dem Heiligen Abend 1971 erlebt haben.

„brand aus“ war beim Begräbnis von Franz Haydn und war dann ein ganzes Wochenende in St. Pölten. Es hat die beschädigten Fahrzeuge gesehen, es hat die schwerverletzten Kameraden im Krankenhaus besucht, es hat mit Augenzeugen gesprochen, und es hat den Ort der Katastrophe gesehen. Aus diesem persönlichen Erleben sind die folgenden Berichte entstanden.

Am Tag, da die Manuskripte unwiderruflich in die Druckerei mußten, kam die Nachricht vom Tod des HBI Rudolf Gschwendtenwein. Es war nicht mehr möglich, binnen Stunden die gesamte Nummer nochmals umzustellen. Wenn Franz Hayden vielleicht ein kleines Übergewicht hat, wird Geschwendtenwein nicht böse sein. Er und Hayden waren gute Kameraden.

Euer „brand aus“

 

Die Feuerwehr wußte nichts von Gasarbeiten

Der Bericht des Einsatzleiters Brandrat Wilfried Weissgärber, FF St. Pölten-Stadt

Am 30. Mai um 13.28 Uhr erreichte uns in der Feuerwehrzentrale Sankt Pölten telefonisch die Meldung : „Es brennt in der Eybnerstraße 63.“ Der diensthabende Telefonist fragte zurück: „Was brennt?“ Der Anrufer antwortete: „Ein Gemeindebau.“

Für den Diensthabenden in der Feuerwehrzentrale bedeutete dies: Alarmstufe 3, das heißt: Funkalarmierung der FF St. Pölten-Stadt und Fernschreibalarmierung der Freiwilligen Feuerwehren St. Pölten-Wagram und St. Pölten-Viehofen.

Die ersten Fahrzeuge ...

13.29 Uhr: Ein TLF 1000 rückt mit einer Besatzung von 1:3 von der Feuerwehrzentrale ab.

13.30 Uhr: Die Drehleiter rückt als nächstes Fahrzeug ab, da man nicht weiß, ob etwa Bergungen aus Stockwerken nötig werden.

13.31 Uhr: Das zweite TLF 1000 verläßt die Feuerwehrzentrale. Der Telefondienst erhält einen zweiten Anruf über den Brand in der Eybnerstraße.

13.32 Uhr: BR Weissgärber, Kommandant der FF St. Pölten-Stadt, begibt sich mit HV Martinek mit dem Kommandofahrzeug („Kommando 17“) zum Einsatzort, nachdem er sich vom Telefondienst die Meldung bestätigen hat lassen. Während der Fahrt erhält er in „Kommando 17“ die erste Lagemeldung aus der Eybnerstraße, das erste TLF 1000 meldet nämlich über Funk: „Kellerbrand in der Eybnerstraße.“

Kellerbrand ...

13.33 Uhr: Das erste TLF trifft am Einsatzort ein. Der Fahrzeugkommandant erkundet die Lage und stellt einen Kellerbrand fest. Auch das Stiegenhaus des vierstöckigen Wohnhauses ist bereits verraucht.

Der Fahrzeugkommandant fragt beim Eingang des Hauses Eybnerstraße 61 (die erste Meldung über den Brand im Hause Nr. 63 war falsch gewesen) stehende Zivilpersonen nach Zugangsmöglichkeiten zum Keller.

Das erste TLF 1000 setzt die Feuerwehrzentrale mittels Funk von dem Kellerbrand in Kenntnis. Daraufhin wird TLF 2000 mit einer Besatzung von 1:5 in Marsch gesetzt.

Ein Atemschutztrupp für den Kellerbrand

13.34 Uhr: Das zweite TLF 1000 trifft am Einsatzort ein. Die Besatzung erfrägt die Lage und bildet gemeinsam mit den Männern des ersten TLF einen Angriffstrupp aus Atemschutzgeräteträgern.

Im zweiten Stock schrie eine Frau

13.34 Uhr: Die Drehleiter trifft ein. Der Fahrzeugkommandant, selbst ausgebildeter Atemschutzgeräteträger, verstärkt den Angriffstrupp.

Im zweiten Stock schreit eine Frau, kommt wiederholt zum Fenster und ruft laut um Hilfe, während die anderen Wohnparteien, sofern sie in den Wohnungen sind, eher ruhig den Arbeiten der Feuerwehr zusehen. Die Drehleiter wird an das Fenster, aus dem die Frau herausschaut, angeleitert.

Der mit schwerem Atemschutz ausgerüstete Angriffstrupp geht mit explosionsgeschütztem Handscheinwerfer und gefüllter Hochdruckleitung zum Angriff in den Keller vor.

Von der Feuerwehrzentrale rückt ein ULF zum Einsatzort aus.

Die FF St. Pölten-Wagram kommt

13.36 Uhr: BR Weissgärber und HV Martinek kommen mit „Kommando 17“ am Einsatzort an. In der gleichen Minute treffen ein TLF 1000 und ein Kommandofahrzeug der FF St. Pölten-Wagram ein. Die Einsatzkräfte werden geteilt, HBI Gschwendtenwein von der FF Sankt Pölten-Wagram erhält vom Einsatzleiter den Auftrag, die Löschkräfte im Hof zu übernehmen.

Da es sich allem Anschein nach um einen normalen Kellerbrand handelt und die eingesetzten Männer erfahren sind, wendet sich der Einsatzleiter dem ihm wichtiger erscheinenden Problem der im zweiten Stock schreienden Frau zu, da sich diese eventuell aus dem Fenster stürzen könnte. Ein schon vor einigen Minuten durchgegebener Funkruf, der Feuerwehrarzt Dr. Wölken herbeibringen soll, wird wiederholt. Der Einsatzleiter steigt zur eventuellen Menschenrettung auf der Drehleiter in die Wohnung im zweiten Stock ein.

Auf der Straßenseite und im Hof des Wohnhauses stehen mehrere Menschen. Niemand sagt den Feuerwehrmännern, daß in dem Haus Handwerker beschäftigt sind, niemand sagt ihnen, daß Arbeiten an den Gasrohren vorgenommen werden. Kein Handwerker etwa in Arbeitskleidung läßt auf solche Arbeiten schließen. Daher wußten weder die Einsatzleitung noch die Feuerwehrmänner etwas von einer Gefahr, konnten auch nichts derartiges vermuten.

13.37 Uhr: Das eingetroffene TLF 2000 der FF St. Pölten-Wagram wird auf die Straßenseite zur Drehleiter beordert, die Mannschaft bereitet sich für den Angriff über die Leiter in den zweiten Stock vor.

Im Hof hat das TLF 1000 der FF St. Pölten-Wagram Aufstellung bezogen und rüstet einen Trupp mit Preßluftatmern für den Angriff in den Keller aus.

Das TLF 2000 der FF St. Pölten-Wagram erreicht den Einsatzort.

Die Frau – nicht transportfähig

Der Einsatzleiter, der sich über die Leiter in den zweiten Stock begeben hat, erkennt, daß die schwer herzkranke Frau über das verrauchte Stiegenhaus nicht abtransportiert werden kann. Man beruhigt sie bis zum Eintreffen des Feuerwehrarztes, hält ihr nasse Taschentücher vor den Mund und führt sie zum Fenster. Ihr nervlicher Zustand läßt eine sofortige Bergung über die Drehleiter nicht zu.

Angriffstrupp St. Pölten-Wagram geht in den Keller

Der ebenfalls mit schwerem Atemschutz ausgerüstete Angriffstrupp der FF St. Pölten-Wagram geht – ebenfalls mit explosionsgeschütztem Handscheinwerfer und gefüllter Hochdruckleitung – zum Angriff in den Keller vor. Der Trupp der FF St. Pölten-Stadt, der bereits im Keller ist, findet infolge der starken Rauchentwicklung den Brandherd nicht.

13.39 Uhr: Das ULF der FF St. Pölten-Stadt erreicht den Einsatzort. Der Kommandant meldet sich bei der Einsatzleitung („Kommando 17“).

Feuerwehrarzt Dr. Wölken trifft ein und begibt sich sofort über die Drehleiter in den zweiten Stock. Mit ihm steigen ein Feuerwehrmann und ein Rettungsmann auf. Er fordert von den Arbeitersamaritern, deren Stützpunkt nur wenige hundert Meter von der Einsatzstelle entfernt liegt, ein Beatmungsgerät an. Der Arzt fordert die Frau auf, sich auf den Diwan zu legen. Der Einsatzleiter erklärt dem Arzt die Lage und steigt über die Drehleiter ab.

In der gleichen Minute kehrt der Angriffstrupp der FF St. Pölten-Stadt über die Kellerstiege ins Freie zurück. Er hat den Brandherd nicht finden können. Er wird von einem den Feuerwehrmännern unbekannten Mann aufgefordert, im Keller auf ein Gasrohr eine Abdeckkappe aufzusetzen. Daher begibt sich der Atemschutztrupp wieder in den Keller und versucht, die Abdeckkappe zu montieren.

Auch der Trupp der FF St. Pölten-Wagram, bestehend aus drei Männern, kann den Brandherd im Keller nicht finden. An einem der Preßluftatmer tritt ein Defekt auf, der betreffende Mann zieht sich zu seinem Fahrzeug zurück. Es befinden sich also noch fünf Männer mit Preßluftatmern im Keller.

Die furchtbare Explosion

13.40 Uhr: Der Trupp, der ersucht worden ist, die Abdeckkappe auf dem Rohr anzubringen, kann dieses nicht aufsetzen, da das Rohr Deformierung aufweist.

Als die Männer eben aus dem Keller zurückkehren wollen, erfolgt die furchtbare Gasexplosion.

Der Einsatzleiter will eben von der Drehleiter (Straßenseite) über die Nordseite des Hauses zum Hauseingang (Hofseite) gehen und befindet sich auf der Hofseite, rund 15 Meter nördlich des Hauseinganges Nr. 61. Er ist daher eher im toten Winkel der Explosion, wird nur leicht zur Seite geschleudert. Ein dumpfer Knall ertönt (Wuff), plötzlich ist alles in Brand gehüllt, die Luft ist ein einziges Flammenmeer, durch die entstehende Druck- und Sogwelle werden alle Menschen und Gegenstände, die sich bis rund 12 Meter von der Hof- und der Straßenseite entfernt befinden, vom Haus weg und zu Boden geschleudert.

Der Keller, in dem die Explosion erfolgte, war rund 10 Meter breit und 20 Meter lang, er durchzog das ganze Haus. Er hatte wohl Trennwände, die Türen waren aber offen, der gesamte Kellerraum war also letztlich eine Einheit. Je vier Fenster gingen auf die Straßen- und auf die Hofseite, ebenso stellte die Kellertür, die nahe dem Hauseingang gelegen war, eine Verbindung zur Außenwelt dar.

Bei der Explosion drang das in Brand geratene Gas-Luftgemisch bis zur betonierten Kellerdecke empor, konnte nicht mehr weiter nach oben entweichen, suchte sich weiter den Weg des geringsten Widerstandes und entwich mit ungeheurer Gewalt durch die Kellerfenster und die Keller- und die Haustüre ins Freie. Teile des gemauerten Eingangsvorbaues wurden weggerissen.

Zwischen Fahrzeugen und Hauswänden

Die Tragödie war, daß fast alle Einsatzfahrzeuge der Feuerwehren nur wenige Meter von den Hauswänden der Straßen- und Hofseite abgestellt waren und sich zwischen Fahrzeugen und Hauswänden zahlreiche Feuerwehrmänner aufhielten. Auf der Hofseite standen die Fahrzeuge auf dem asphaltierten Fußweg, der nur durch einen rund 50 Zentimeter breiten Grünstreifen von der Hauswand getrennt war, auf der Hofseite betrugen Grünstreifen und Gehsteig rund vier Meter.

Zuerst Totenstille

Explosion und Druckwelle dauerten maximal drei Sekunden. Dann herrschte Totenstille. Nach dieser Schrecksekunde ertönten von allen Seiten Schreie und Hilferufe. Es bot sich ein Bild der Verwüstung. Einige blutverschmierte Feuerwehrmänner liefen auf die Straße, schwerer getroffene lagen schreiend zwischen Fahrzeugen und Trümmern oder wimmerten. Straße und Hof waren mit Mauertrümmern, Glassplittern, Teilen von Einrichtungsgegenständen und Kleidern übersät.

Der Einsatzleiter rannte zum Hauseingang Nr. 61. Dort lagen zwei Feuerwehrmänner, deren Einsatzbekleidung Feuer gefangen hatte. Es waren Verwalter Franz Hayden und HBI Rudolf Gschwendtenwein. Daß Hayden tot war, konnte der Einsatzleiter im Moment nicht erkennen. Er und der ebenfalls unverletzt gebliebene Lm Hötzl löschten die züngelnden Flammen der Einsatzbekleidung mit den Händen und zerrten die beiden Verletzten aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich. Dann lief Weissgärber zu einem TLF 1000 und befahl über Funk der Feuerwehrzentrale, für alle Feuerwehren und Rettungsorganisationen Großalarm zu geben.

Je ein Mann der FF St. Pölten-Stadt und St. Pölten-Wagram, die leichter verletzt waren, setzten „Kommando 17“ und das Kommandofahrzeug St. Pölten-Wagram, zwei Kleinbusse, in Betrieb. Im Nu waren die Fahrzeuge mit verletzten Feuerwehrmännern überfüllt. In wenigen Minuten war man beim Krankenhaus angelangt, das sich nur wenige hundert Meter von der Einsatzstelle entfernt befand.

Nur wenige Minuten nach der Explosion trafen Sanitätsfahrzeuge des Roten Kreuzes und des Arbeiter-Sameriterbundes ein. In pausenlosem Einsatz transportierten sie Feuerwehrmänner und Zivilpersonen zum Krankenhaus, so daß der Abtransport sehr schnell vor sich ging. Die Verletzten hatten vor allem schwere Verbrennungen davongetragen.

Wo sind die Kameraden im Keller?

Die große Sorge war: Was ist aus den Kameraden im Keller geworden? Nachdem der Einsatzleiter den Funkspruch bezüglich des Großalarms abgesetzt hatte, rüsteten er und noch ein Feuerwehrmann sich mit schwerem Atemschutz aus und drangen in den Keller vor, mußten jedoch noch auf der Kellerstiege wegen der extrem hohen Hitze zurückweichen. Infolge des großen Temperaturunterschiedes zwischen Körper- und Raumtemperatur hatten sich die Panoramascheiben der Atemmasken beschlagen, was den Männern die Sicht nahm.

In Wirklichkeit hatten sich die fünf Männer bereits selbst aus dem Keller ins Freie begeben können. Es waren ihnen nur die Füße weggezogen worden und sie waren, freilich mit schweren Verbrennungen, zu Boden geschleudert worden. Während der Einsatzleiter die beiden vor dem Hauseingang liegenden Kameraden in Sicherheit gebracht hatte, mußten die fünf Männer aus dem Keller herausgekommen und sofort in das Krankenhaus gebracht worden sein. Das wußte aber im anfänglichen Chaos niemand. „Kommando 17“ bekam daher den Auftrag, im Krankenhaus die Namen aller eingelieferten Feuerwehrmänner zu erfragen. Erst als man die Listen des Krankenhauses mit den Angaben über die Fahrzeugbesatzungen verglichen hatte, konnte man befreit aufatmen: Es fehlte niemand.

Die Hausbewohner

Nach der Explosion war das Stiegenhaus kurze Zeit frei von Rauch, bis sich der Kellerbrand neuerlich und noch intensiver entwickelte. Die wenigen Bewohner, die sich in den Wohnungen befanden, wurden ebenfalls von der Druckwelle erfaßt, es gab mehrere Verletzte unter ihnen, die Möbel vernichtet, durch den Sog waren sogar Teile der Tapeten von den Wänden gesaugt worden. Leichtverletzte Feuerwehrmänner durchsuchten jede Wohnung und halfen den verletzten Zivilpersonen, über das Stiegenhaus ins Freie zu gelangen. Auch die Zivilverletzten wurden sofort in das Krankenhaus gebracht.

Brand im vierten Stock

Das Gas, das sich vor der Explosion im ganzen Haus verteilt hatte, konzentrierte sich im vierten, obersten Stockwerk, von wo es nicht mehr weiter entweichen konnte, neuerlich zu einem Gas-Luftgemisch; es kam durch eine nicht mehr feststellbare Zündquelle zu einer Verpuffung mit nachfolgendem Brand. Sofort stand die gesamte Wohnung in Flammen, der Brand begann also nicht an einer bestimmten Stelle.

Da die Mannschaften dezimiert waren, konnte die Brandbekämpfung nicht sofort einsetzen.

Insgesamt zählte man zu diesem Zeitpunkt 68 Schwerverletzte, davon 31 Feuerwehrmänner.

Zweite Explosion

Nach rund sieben Minuten – das Zeitintervall konnte nicht genau ermittelt werden, befragte Passanten meinten, es müßten rund sieben Minuten sein – kam es zu einer neuerlichen Verpuffung, die freilich wesentlich schwächer war als die vorangegangene Explosion. Vor allem war diesmal die Druckwelle sehr gering. Durch die erste Explosion war ja der größte Teil des Gas-Luftgemisches verbrannt, außerdem absorbierte der immer stärker werdende Kellerbrand viel Luft. Solche Verpuffungen wiederholten sich sechsmal, sie richteten jedoch keinen Personen- und nur wenig Sachschaden an. Das konnte man aber nicht im voraus wissen.

„Sperren Sie das Gas ab!“

Nach der zweiten Explosion bzw. Verpuffung verlangte der Einsatzleiter vom inzwischen eingetroffenen Betriebsleiter der NIOGAS die sofortige Absperrung des Gases. Der Verantwortliche erklärte, dies sei unmöglich, da er nur die ganze Stadt von der Gaszufuhr ausschalten könne, nicht aber Teile der Stadt. Nach wiederholtem Drängen des Einsatzleiters, da ja im Keller weiter Gas ausströmte und ständig weitere Verpuffungen erfolgten, wurde endlich die Gaszufuhr für die gesamte Stadt St. Pölten gesperrt.

Dies war freilich auch nicht ungefährlich. Bei einem Abschalten der Gaszufuhr konnten ja gerade in Betrieb befindliche Haushaltsgeräte offen bleiben, es konnte vergessen werden, sie abzuschalten. Bei Wiederaufnahme der Gaszufuhr konnte Gas entweichen, bei Entstehen eines entsprechenden Gas-Luftgemisches und Hinzutreten einer Zündquelle konnten in der ganzen Stadt Explosionen bzw. Verpuffungen entstehen. Um dieser Gefahr zu begegnen, fuhr das Kommandofahrzeug „Florian West“ zweieinhalb Stunden durch das gesamte Stadtgebiet und ersuchte die Bevölkerung mittels Lautsprecher, etwa offene Gasgeräte abzusperren und die von der Arbeit heimkommenden Nachbarn im gleichen Sinn zu informieren. Tatsächlich kam es in der ganzen Stadt zu keinem einzigen Zwischenfall durch ausströmendes Gas.

Wohnungs- und Kellerbrand werden gelöscht

Die nachrückenden Kräfte der FF St. Pölten-Stadt fluteten den Keller mit Schaum. Das Vortragen eines Innenangriffes wäre wegen der laufend erfolgenden Verpuffungen zu gefährlich gewesen, außerdem konnten durch den Schaum alle möglichen Zündquellen beseitigt werden.

Inzwischen trafen nacheinander Feuerwehren aus dem gesamten Bezirk St. Pölten ein. Diese neuen Einsatzkräfte löschten den Zimmerbrand im vierten Stock über die nur noch bedingt einsatzfähige Drehleiter und durch einen Innenangriff über das Stiegenhaus.

Nach diesen Aktionen war die Hauptgefahr beseitigt.

Absperrungen, Zuseher

Waren zuerst relativ wenige Menschen am Einsatzort erschienen, kamen nach der Explosion Menschen in Scharen. Die sehr schnell eingetroffenen Polizeikräfte sicherten zusammen mit Feuerwehrmännern die Umgebung des Einsatzes ab.

Journalisten

Wie erst später bekannt wurde, waren zahlreiche Journalisten erschienen, auch mehrere Wiener Tageszeitungen hatten Reporter entsandt. Kein einziger von ihnen zog bei der Einsatzleitung irgendwelche Erkundigungen ein, obwohl die Einsatzleitstelle („Kommando 17“) mit Rotlicht gekennzeichnet war und sich in nächster Nähe der Unglücksstelle befand. Durch eine Frage an die Verantwortlichen hätten die Journalisten leicht klären können, daß die Feuerwehr von den Gasarbeiten nichts gewußt hatte. Die große Falschmeldung des nächsten Tages in einer Tageszeitung hätte vermieden werden können.

Durch die Gasexplosion waren Dachziegel aufgehoben worden und fielen, völlig durcheinander, wieder auf das Dach zurück. Zahlreiche Ziegel drohten herabzustürzen. Dies machte noch strengere Absperrungen nötig.

Erster Besuch im Krankenhaus

Als die wesentlichsten Gefahren beseitigt waren, gegen 16.20 Uhr, übergab BR Weissgärber die Einsatzleitung an Lm Ing. Hötzl und begab sich mit Feuerwehrarzt Dr. Wölken in das Krankenhaus. Er suchte die Verletzten auf und erkundigte sich nach dem Grad ihrer Verletzungen. Als er zum Einsatzort zurückkehrte, fand er dort Bürgermeister Hans Schickelgruber und den Feuerwehrreferenten der Stadt St. Pölten, Stadtrat Schloßnagl, sowie Senatsrat Dr. Karner, den beamteten Feuerwehrreferenten der Stadt. OBR Spinka führte die Herren und zeigte die Unfallstelle. Daraufhin begaben sich die Herren in das Krankenhaus, um sich über den Zustand der Verletzten zu informieren.

Während der Aufräumungsarbeiten traf Landesfeuerwehrkommandant Sepp Kast ein. Er wurde von der Lage und von den Umständen, die zur Explosion geführt hatten, unterrichtet. Beeindruckt von der Besichtigung des Unfallobjektes, begab er sich zusammen mit OBR Ing. Spinka und dem Einsatzleiter in das Krankenhaus. Er bedauerte, den so schwer Getroffenen nur Trost zusprechen, ihnen jedoch nicht helfen zu können. Für die schwerverletzten Kameraden bedeutete der Besuch des Landesfeuerwehrkommandanten freilich große Freude und Aufmunterung.

Letzte Arbeiten

Für die kriminaltechnischen Untersuchungen war es notwendig, den Schaum aus dem Keller abzusaugen. Hiefür wurde von der Landesfeuerwehrschule in Tulln ein Schaumabsauggerät angefordert.

Nach der Brandbekämpfung und nach Abschluß der wichtigsten Aufräumungsarbeiten wurden die Einsatzkräfte zwischen 17.00 und 19.00 Uhr etappenweise abgezogen. Die Brandwache rückte nach halbstündigen Kontrollgängen um 22.00 Uhr in die Feuerwehrzentrale ein.

Es waren 18 Feuerwehren und die NÖ Landesfeuerwehrschule mit 201 Mann und 34 Fahrzeugen im Einsatz: 7 Kommandofahrzeuge, 19 Tanklöschfahrzeuge, 3 Löschfahrzeuge, 1 Rüstfahrzeug und vier sonstige Fahrzeuge.

2 TLF 1000 der FF St. Pölten-Stadt erlitten durch die Druckwelle Totalschaden, mehr oder weniger schwer beschädigt wurden 1 TLF 1000 der FF St. Pölten-Wagram, 1 TLF 2000 von St. Pölten-Stadt, 1 TLF 2000 der FF St. Pölten-Wagram, die Drehleiter und das Kommandofahrzeug der FF St. Pölten-Stadt und ein Kommandofahrzeug der FF St. Pölten-Wagram.

Drei wichtige Fragen

Wie kam es zur Explosion?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird angenommen, daß sich im Zuge von Arbeiten mit autogenen Schweißgeräten an Gasrohren im Keller ein Brandherd gebildet hatte. Erhebungen haben ergeben, daß in größerem Umfang Papier, Koks, Kleinholz und Kohle in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstelle gelagert waren. Zuerst wurde der Brand von Arbeitern mit einem Pulverlöscher bekämpft, dann wurde die Feuerwehr gerufen. Weder bei der Benachrichtigung noch beim Eintreffen wurde die Feuerwehr von den zuständigen Monteuren über den Gasaustritt unterrichtet.

Zur Explosion kam es, als ein bestimmtes Gas-Luftgemisch erreicht war. Bei einem Gasaustritt werden Türen und Fenster geöffnet, damit das kritische (explosionsfähige) Verhältnis im Gas-Luftgemisch nicht erreicht werden kann. Bei einem Brand sind jedoch andere Verhältnisse gegeben. Durch den Brand wird Luft angesaugt, da ein hoher Verbrauch an Sauerstoff gegeben ist, deshalb kommt es in weiterer Folge wesentlich rascher zum Erreichen der kritischen Grenze des Gemisches. Bei einem Kellerbrand gibt es überdies Glutherde, die man durch Pulverlöscher nicht zur Gänze ablöschen kann, und bereits ein Funke genügt, um das hochexplosive Gemisch zu entzünden.

Nach Anschauung der Feuerwehr wäre die Explosion nicht zu vermeiden gewesen, da Gas ausströmte und zugleich in nächster Nähe Zündquellen waren. Es wären aber durch Bekanntgabe der Lage durch die Montagearbeiter beim Eintreffen andere Einsatzmaßnahmen gewählt worden. Im Vordergrund wären erhöhte Vorsicht und die Evakuierung der Bewohner gestanden.

Warum mußte Franz Hayden sterben?

Der Leiter des Verwaltungsdienstes der Freiwilligen Feuerwehr St. Pölten-Wagram, V Franz Hayden, war mit der Sicherung des Angriffstrupps beschäftigt. Im Hausflur zum Keller hielt er die Führungsleine und versuchte mit seinen Kameraden in Kontakt zu bleiben. Dabei traf ihn die Explosionswelle aus dem Keller so schwer, daß er an das hinter ihm stehende Tanklöschfahrzeug geschleudert und durch die Sogwelle an die Hauswand gedrückt wurde. Dort brach er mit einer tödlichen Kopfverletzung zusammen.

Wer wurde verletzt?

Nur vier Feuerwehrmänner blieben unverletzt. Alle anderen wurden durch die furchtbare Explosion zum Teil schwer verletzt. Besonders wurden die Hände und auch Arme durch schwere Verbrennungen in Mitleidenschaft gezogen. Der Feuerstoß dürfte in einer Höhe von ca. 1,50 Meter erfolgt sein, dadurch wurden die Gesichter nur von der Hitze, nicht aber von den Flammen verbrannt, es werden daher kaum Schäden zurückbleiben. Die Atemmasken retteten der zur Zeit der Explosion im Keller befindlichen Mannschaft die Gesichtsflächen vor starken Verbrennungen. Durch die Druckwelle wurden Splitter und Mauerteile durch die Umgebung geschleudert und trafen einige Kameraden schwer.

 

 


 "Ich gelobe, meinen Dienst als freiwilliger Feuerwehrmann stes gewissenhaft zu erfüllen, meinen Vorgesetzten gehorsam zu sein, Disziplin und Manneszucht zu halten und wenn notwendig auch mein Leben einzusetzen, um meinen Mitmenschen zu helfen; Gott zur Ehr - dem Nächsten zur Wehr !."

FF St. Pölten-Wagram nachher

Die FF St. Pölten-Wagram ist von der Innenstadt St. Pölten durch die Traisen getrennt. 54 Aktive hat man dort, ebenso eine Feuerwehrjugendgruppe mit 18 Buben.

Unmittelbar nach der Explosion schickte Einsatzleiter BR Weissgärber die schwer dezimierten Löschkräfte der Wehr heim.

Am meisten belastend war anfangs: In den Listen, die aus dem Krankenhaus kamen, fehlten die Namen von drei Wagramern, die auch nicht am Einsatzort waren. Wo waren sie? Die Frauen kamen, man konnte ihnen keine Auskunft geben. Ein Kamerad der FF Wagram wurde ins Krankenhaus geschickt. Er ging von Bett zu Bett, fragte jeden, wer er sei, da er durch die Verbände kaum ein Gesicht erkennen konnte. Endlich hatte er die drei Vermißten gefunden. Sie waren in der Hektik der ersten Viertelstunden nicht aufgeschrieben worden.

Als die Kameraden mit den zum Teil unbrauchbaren Fahrzeugen zum Feuerwehrhaus kamen, waren fast alle Männer da, die nicht im Krankenhaus waren, alle Reservisten, alle Buben von der Feuerwehrjugend. Jeder wollte helfen, solidarisch sein, zeigen, daß er dazugehörte.

Auch die Frauen kamen, wollten etwas wissen, wollten helfen, viele boten sich zum Blutspenden an.

Trotz allem Jammer wurden zielbewußt Aktionen gesetzt: die Frauen der Verletzten wurden besucht und dieser Dienst genau eingeteilt, für den nächsten Tag wurde ein Spitalsbesuchdienst organisiert.

Zweite Frage: Sofortmaßnahmen. Was hätten die Verletzten heute noch tun sollen? Manches Privatfahrzeug stand vor dem Feuerwehrhaus, Wohnungsschlüssel der Verletzten wurden gebraucht, manche hätten beruflich Dringendes liefern sollen usw. Es wurde geholfen, soweit es irgendwie möglich war.

Einsatzfähigkeit?

Das TLF 1000 war nicht einsatzfähig, das TLF 2000 und das Kommandofahrzeug wohl. Mannschaften? Tagsüber war die Wehr nur bedingt einsatzfähig, da fast alle Männer, die auch tagsüber in Wagram sind (vor allem Gewerbetreibende und Bauern), im Krankenhaus lagen. Nachts war man voll einsatzfähig.

Dann reparierte man, soweit möglich, Preßluftatmer, reinigte die Fahrzeuge von Blut, Glassplittern und Mauerbrocken. All das ging fast mechanisch. Alle standen irgendwie unter Schockwirkung. „Für mich war es das beeindruckendste Erlebnis, das ich in meinem bisherigen Leben hatte“, sagte ein 36jähriger Kamerad zu „brand aus“.

Kaum einer der Männer konnte nachts schlafen.

Am nächsten Tag nahmen sich einige Kameraden spontan Urlaub und waren da. Man richtete einen permanenten Telefondienst ein, damit Nachrichten aus dem Spital und von Freunden gleich weitergegeben werden konnten, damit sich die Frauen informieren konnten, damit immer „wer da war“.

Reporter kamen, fotografierten, Fremde erkundigten sich, Wege zu Ämtern waren zu machen, den Frauen der Verletzten mußte an die Hand gegangen werden. Manche von ihnen wohnten ja mit ihren Kindern jetzt ganz allein in einem Siedlungshaus. Immer noch das Bangen um das Leben einiger schwerverletzter Kameraden, immer mehr Optimismus, wenn wieder einer „über dem Berg“ war.

Bald wurde aus den fünf dienstältesten Brand- und Löschmeistern ein „Krisenstab“ gebildet, der alle Maßnahmen überlegt und leitete.

Bitter war dann, die Totenparte zusammenzustellen.

Die FF St. Pölten-Stadt erwies sich als wahrer Freund. Da gab es keinen Unterschied zwischen den Wehren. OBR Ing. Spinka und BR Weissgärber kümmerten sich um die Kameraden von Wagram ebenso wie um jene von der FF St. Pölten-Stadt.

„Wie wollen überleben“, dieser Satz setzte sich immer mehr durch. Jeden Abend kamen fast alle Mitglieder der Wehr und halfen mit.

Vom 4. auf den 5. Juni brannte die Zwetzbachermühle im Stadtteil Wagram ab. Es war wie eine Bestätigung der inneren Kraft dieser Feuerwehr: 24 Männer taten bei diesem schweren Einsatz Dienst und standen in vorderster Reihe. Die Feuerwehr St. Pölten-Wagram lebt weiter. Es gehört schon der Vergangenheit an, daß beim Begräbnis von Franz Hayden 38 Wagramer Feuerwehrmänner den Ehrenzug stellten.

*

Und dann kam in den Morgenstunden des 13. Juni die Nachricht vom Tod des Kommandanten HBI Alois Gschwendtenwein. Wie es in St. Pölten-Wagram weiterging, war bei Redaktionsschluß noch nicht bekannte. „brand aus“ wird darüber berichten.

FF St. Pölten-Stadt nachher

Stundenlang wollten die todmüden, zum Teil mit Kopf- und Handverbänden versehenen Kameraden nicht nach Hause gehen. Sie saßen im Telefonzimmer beisammen, bedrückt, sie sprachen sich das Furchtbare von der Seele und diskutierten Einzelheiten, sahen die schwerbeschädigten Fahrzeuge an.

OBR Ing. Spinka und Kommandant BR Weissgärber besprachen in der Feuerwehrzentrale noch Einzelheiten versicherungsrechtlicher Art, begaben sich dann zu ihren Männern und berichteten ihnen aus dem Krankenhaus über den Grad der Verletzungen der Kameraden und über deren Stimmung. Da ein Teil der Verletzten in der Feuerwehrzentrale wohnt, war die Betreuung der Frauen einfacher als in St. Pölten-Wagram.

Am nächsten Morgen versammelten sich die Leichtverletzten instinktiv im Telefonzimmer. Am Vormittag läutete pausenlos das Telefon. Lokalreporter erkundigten sich, auch eine Tageszeitung fragte an, Feuerwehrkommandanten aus ganz Österreich – einer sogar aus Innsbruck – drückten ihr Beileid aus, auch der Präsident des ÖBFV, OSR Ladislaus Widder, rief an. Die Feuerwehren des Abschnittes St. Pölten-Stadt boten sich zur Übernahme des Bereitschaftsdienstes an, da die FF St. Pölten-Stadt ja starke Ausfälle hatte.

BR Weissgärber ging gemeinsam mit einem Vertreter der FF St. Pölten-Wagram auf den Magistrat, zum Bestattungsinstitut, zum Rechtsanwalt, zu Versicherungsinstitutionen. „Ich möchte herzlich dafür danken, daß uns die FF St. Pölten-Stadt so kameradschaftlich unter die Arme gegriffen hat“, meinte ein Kamerad zu „brand aus“.

Die Leichtverletzten, schon nach Hause Entlassenen, wurden jeden Tag mit dem Kommandofahrzeug gemeinsam zum Verbinden ins Krankenhaus gebracht. Besonders bedrückend war, daß einige Kameraden tagelang in Lebensgefahr schwebten und jeder um einen persönlichen Freund bangte. Wochenlang besuchte BR Weissgärber täglich die Verletzten und brachte die letzten Neuigkeiten „nach Hause“ – in die Feuerwehrzentrale.

Die Bereitschaft wurde aufrechterhalten. Sofort wurde die Diensteinteilung geändert, die Alarmstufen wurden erhöht, das heißt, es gab keine „Schleifen“-(Teil)alarmierungen mehr, sondern bei jedem Einsatz wurde die gesamte Wehr alarmiert, da ja 20 Männer ausfielen. Dies bewährte sich auch beim Brand der Zwetzbachermühle wenige Tage später in St. Pölten-Wagram.

Schon am Tag nach dem Unglück setzte der Besucherstrom im Krankenhaus ein, und nur das energische Wort der Ärzte und Schwestern sicherte den Kranken die nötige Ruhe.

Nach einigen Tagen löste sich die allgemeine Bedrücktheit, immer mehr Nachrichten von sich bildender, neuer Haut kamen in die Zentrale, dieser und jener durfte heimgehen.

So hart es klinge mag: Man nahm das Unvermeidliche zur Kenntnis. „Es hätten auch zehn Kameraden tot sein können“, meinte man. Und so kehrte langsam der normale Alltag zurück. Die Kameraden sitzen wieder beisammen, auf dem Bankerl vor dem Eingang sitzt mancher eben Entlassene und zeigt seine verbrannten Hände mit der sich bildenden neuen Haut.

Daß ihre Frauen Furchtbares ausgestanden haben, wissen die Kameraden, aber das schweigen sie eher dankbar in sich hinein.

 

Krankenhaus: „Größte Hochachtung!“

Am 10. Juni besuchte ich die Kameraden auf der Hautabteilung des St. Pöltner Krankenhauses. Was ich sah und hörte, ist mir unvergeßlich.

Jene, die schon aufstehen durften, kamen mir entgegen, manche mit verbundenen Händen, andere schon ohne Verbände, aber die Finger violett „gefärbt“. Sie hielten die Arme nach oben, da dadurch weniger Blut in die verbrannten Hände floß und viel weniger Schmerzen auszuhalten waren. „Das lernt man sehr schnell“, meinte einer der Kameraden.

Das Rauchen geht bei den meisten ebenfalls wieder, man behilft sich, da die Lippen noch nicht ganz in Ordnung sind, mit dem Zigarettenspitz. Auch beim Kartenspielen ist man erstaunlich erfinderisch und hält das Blatt auch mit verbundenen Händen. Man hilft jenen, die noch immer bettlägerig sind.

Auch der „Schmäh“ rennt wieder: „Jetzt haben wir alle eine junge, neue Haut, bekommen wir da auch neue Frauen?“ tun sie wie die Lausbuben. „Ihr wißt ja gar nicht, was wir Frauen mitgemacht haben“, sagt eine Gattin, die gerade auf Besuch ist. Sie wissen es schon, die Männer, und sind froh, daß sie ihre Frauen mit den Sorgenfurchen im Gesicht haben.

Daß der Landeskommandant bei ihnen war, hat sie sehr gefreut. Erst bei diesem Besuch von LBD Kast, OBR Spinka und BR Weissgärber erfuhren sie, was mit den anderen Kameraden los war.

„Ich war ja Fahrzeugkommandant und wußte nicht, was mit meinen Leuten geschehen war. Weissgärber wußte von jedem Bescheid. Das beruhigte uns ein wenig.“

 

„Wir lagen mit dicken Verbänden in den weißen Betten. Erst am nächsten Tag schwollen unsere Gesichter und Hände richtig an, so daß wir tagelang nicht aus unseren verschwollenen Augen heraussahen. Erst nach und nach wurde es leichter, und wir konnten wieder sehen. Natürlich konnten wir mit den verbrannten Händen nichts anfassen, und die Schwestern fütterten uns.“

„Manche von uns bekamen jeden Tag vor der Hautbehandlung eine Narkose.“ Aber auch das ist jetzt schon viel besser.

Die Frau oder die Tochter bringen Kompott mit und füttern einen Mann, die Mutter sitzt neben dem 15jährigen, der voriges Jahr noch bei der Feuerwehrjugend war und in Ottenschlag beim Landesjugendlager jeden Abend den wunderschönen Zapfenstreich geblasen hat. Er ist nicht zum Mann gereift in diesen Sekunden und den folgenden Wochen. Er freut sich, daß die Mutter da ist. Für die 30-, 40- und 50jährigen Männer ist er ein Kamerad, wenn sie auch ein wenig Vater- und Opafunktionen an ihm wahrnehmen.

Jeder zeigt die Fortschritte, die seine neue Haut macht, analysiert genau die Worte des Arztes vom Nachhausegehen – nächste Woche, übernächste Woche?

Einer hatte anfangs berufliche Sorgen: Er ist Bäckermeister und sollte um 5 Uhr früh Semmeln und Brot ausführen. Er wurde beruhigt: Feuerwehrmänner führen seit Tagen seine „Datscherln“ aus. Bei einem anderen schauen Kameraden auf den Betrieb und auf die Lehrbuben.

„Für mich war am eindrucksvollsten, daß unsere jungen Burschen, über die wir uns manchmal geärgert haben, weil sie halt auch schlampert und ein wenig ‚goschert’ sind, so viel Kameradschaft und Menschlichkeit bewiesen haben“, sagt ein 56jähriger begeistert. „Wenn in den ersten Stunden ein Arzt oder ein Feuerwehrkamerad einem zureden und sagen: ‚Es wird schon wieder werden, wir machen das schon’, dann überkommt einen das Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit.“

Über das Spitalspersonal und über die Feuerwehrkameraden lassen sie allesamt nichts kommen. „Die waren schwer in Ordnung. Wir werden das nie vergessen“, sagen sie, die so viel hinter sich haben.

„Und keiner hat über die Feuerwehr geschimpft, als ich sie wenige Stunden nach der Katastrophe besucht habe“, telefonierte der Landeskommandant am nächsten Tag ehrlich bewegt an „brand aus“. „Jeder hat nur nach dem anderen gefragt.“ Und 11 Tage nachher sagen sie alle: Keiner wird aus der Feuerwehr austreten.

Irgendeiner, der mit einem blauen Auge davongekommen ist: „Man glaubt gar nicht, welcher Kameradschaftsgeist jetzt bei uns herrscht. Die Wehren brechen nicht auseinander, sie schließen sich noch enger zusammen.“

Schwierigkeiten und Tragödien schweißen die Menschen zusammen und bringen das Wesentliche zutage, sinnt „brand aus“. „Erst wenn etwas passiert, passiert etwas“, ist eine alte Weisheit. Für beide betroffenen Wehren gilt das nicht, sie waren auch vorher tüchtig und fleißig. Aber vielleicht können wir alle – alle Feuerwehren – die eine Lehre ziehen: Manche Probleme werden angesichts von Katastrophen völlig uninteressant, manche fast kindisch. Muß wirklich etwas passieren, damit etwas passiert?

Fröhlich winken mir die Kameraden mit den verbundenen Händen nach. Daß unsere Feuerwehr so viel wert ist!

Schneider

(Siehe auch in der Serie „Die Leiden der Feuerwehrfrauen (VI) – Die Frauen von St. Pölten ...“)

Hier Florian Amstetten, Einsatzmeldung

Der Einsatz, der zum Tod von Oberlöschmeister Karl Knappe führte

„Im Jänner-„brand aus“ hat der Knappe Karl einen Artikel geschrieben (Anmerkung: Schneiders Serie „menschlich“ Nr. 8). Könnten Sie nicht den Einsatzbericht vom „Bau-Max“-Markt mit dem gleichen Titel überschreiben, sozusagen zum Gedächtnis für Karl Knappe?“ Irgendein Amstettner Feuerwehrmann nahm den „brand aus“-Redakteur beiseite und bat ganz verschämt darum. „Hier Florian Amstetten, Einsatzmeldung ...“ heißt daher unser Bericht über diesen Einsatz, der so tragisch ausging.

13. Jänner 1981, gegen 19.50 Uhr: ein Feuerwehrmann der FF Ulmerfeld-Hausmening fährt zufällig auf der Bundesstraße 21 durch Greinsfurth im Gemeindegebiet von Amstetten und sieht: bei der Halle des Baumarktes „Bau-Max“ brennt es ja. Er alarmiert sofort die örtlich zuständige FF Greinsfurth, die als erste mit einem TLF 1000 und einem KLF eintrifft.

Das Brandobjekt

Eine Halle, rund 50x20 Meter, für alle Artikel, die zum Hausbau gehören, Fenster, Türen, Bohrmaschinen, Baumaterialien aller Art, Tapeten, Plastikrohre, Lacke, Kleber, Sprays, alles in großen Mengen. Die Halle bestand aus Eisenbetonpfeilern, die sich auf dem Dach fortsetzten, die Verstrebungen zwischen den auf dem Dach entstandenen Rechtecken waren schwach, dadurch schwang die nur wenig geneigte Dachfläche ganz leicht. „Es war fast wie bei einem etwas festeren Zirkusdach.“ Als Wärmeisolierung auf dem Dach war Hartschaum aufgetragen, darüber befanden sich Aluminiumlamellen.

Die Wandbegrenzungen der Hallen waren Aluminiumlamellen, es gab keinerlei Fenster, man konnte also nicht sehen, was sich eventuell drinnen abspielte. Die Beleuchtung der Halle kam einzig und allein von 150x120 cm großen Plexiglasfenstern, die in das Aluminiumdach eingelassen waren. Sie waren mit diesem niveaugleich und glatt, nicht, wie fälschlich in Zeitungen geschrieben wurde, kuppelförmig.

Wie es passierte ...

Sofort nach der Alarmierung durch „Florian Amstetten“ (Krankenhausportier) fuhr die FF Amstetten mit Tank I und KdoF aus. Kommandant HBI Blutsch wartete auf eine zweite vollständige Gruppe, um mit Tank II auszufahren (er war für Tank II momentan der einzige anwesende C-Fahrer), daher fuhr OLm Karl Knappe als Fahrzeugkommandant mit einigen Kameraden mit dem KdoF voraus.

Als sie ankamen, war die örtlich zuständige FF Greinsfurth mit dem TLF 1000 und dem KLF schon zur Stelle, eine Leiter der FF Greinsfurth lehnte an der Hallenwand. Die lange Halle war dunkel (keine Fenster), nur an einer Stelle des Dachs war durch Brand ein rund 4x5 Meter großes Loch entstanden, aus dem immer wieder meterhohe Flammen emporflackerten.

Da die Leiter der FF Greinsfurth an der Hallenwand lehnte, stellten OFm Schachner (22 Jahre) und Fm Reitbauer (17 Jahre) von der FF Amstetten eine zweite Leiter auf. OLm Knappe bestieg sie als erster und nahm eine HD-Leitung mit, Schachner und Reitbauer kamen nach. Die beiden jungen Kameraden griffen das Aluminiumdach an: es war kühl. Rund 12 Meter von der Aufstiegsstelle entfernt loderte die Flamme aus dem Flachdach heraus. Knappe schickte sich an, in Richtung Flamme zu gehen, sichtlich zu Erkundungszwecken. „Bleib da!“, riefen ihm die beiden jungen Feuerwehrmänner zu und blieben selbst am Dachrand stehen, aber Knappe ging weiter. Wie weit er gehen wollte, wissen wir nicht. Als Knappe erst rund 3 Meter vom Dachrand entfernt war, geschah es: er brach plötzlich ein, und zwar in der Mitte eines Plexiglasfensters.

Erst nachher konnte man die Tragödie rekonstruieren: das helle Aluminium und das helle Plexiglas waren in der Dunkelheit, die nur durch die flackernde Flamme in rund 12 Meter Entfernung erhellt war, kaum unterscheidbar. Jedenfalls sah Knappe das Plexiglas nicht, wie er später im Krankenhaus betonte. Er blieb mit den Achseln an den Plexiglasrändern hängen, Abschürfungen unter den Achselhöhlen zeigten das später noch.

Schachner und Reitbauer kamen ihm sofort zu Hilfe und packten ihn links und rechts an beiden Armen, konnten aber nicht über ihn treten, da sie sonst auf das von der Hitze weiche Plexiglas getreten und ebenfalls eingebrochen wären.

Und jetzt die eigentliche, zum Tod führende Tragödie, die man vorher nicht ahnen konnte, da die Wände der Halle fensterlos waren: es mußte in der Halle (ohne jeden Brandabschnitt) schon intensiv gebrannt haben, die Sauerstoffzufuhr war aber gering. Als nun durch Knappes Einbruch ein Loch und damit Sauerstoffzufuhr und Zug entstand, setzte sich die Thermik in Bewegung, wie ein großer Sog stieg die Wärme (Feuerwehrarzt Dr. Hoffer schätzte sie auf 600 bis 800 Grad) zum dem Loch hoch, und Knappe hing machtlos in der heißen Luftströmung. Unter Knappe selbst brannte es nicht, die Hitze kam offensichtlich aus anderen schon brennenden Teilen der Halle.

Das sich kühl angreifende Aluminiumdach hatte die Männer in Sicherheit gewiegt, der Hartschaum hatte die Hitze aus der Halle isoliert, die kalte Winterluft (-6 Grad), die über das stark wärmeleitende Aluminium des Daches strich, nahm die letzte Wärme. Das Plexiglasfenster war aber nicht isoliert, war bereits heiß und gab dem Gewicht Knappes nach. Knappe war über 90 kg schwer, die beiden jungen Kameraden hielten ihn an den Armen, er entglitt ihnen aber immer mehr, sie konnten auch nur schief hinter ihm stehen, es war unmöglich, ihn herauszuziehen. Löschmeister Gangl kam auf das Dach: „Bringt uns Leinen“, schrien sie verzweifelt und fühlten, daß sie ihn nur mehr schwer halten konnten. Durch die von unten heraufdrückende Wärme entzündete sich die Einsatzbekleidung Knappes, obwohl es unter ihm gar nicht brannte, es war allein die Selbstentzündung durch die Hitze. Gangl ergriff das HD-Rohr, das neben Knappe lag, spritzte Knappe am in der Halle hängenden Unterleib an und kühlte ihn. Knappe schrie: „Laßt´s mich aus, laßt´s mich aus!“ und wurde im nächsten Augenblick ohnmächtig, dadurch aber noch schwerer, so daß den beiden ihn verzweifelt haltenden Reitbauer und Schachner aus den müde gewordenen Händen glitt und in die Halle stürzte.

Was geschah in der Halle?

Die Halle war rund 7 Meter hoch, Knappe fiel also rund 5 Meter. Es scheinen in der Halle Drähte gespannt gewesen zu sein, die den Fall milderten. Röntgenuntersuchungen ergaben keine Knochenbrüche. Knappe muß durch den Aufprall wieder zu sich gekommen sein und begann zu robben, hörte aber in der entgegengesetzten Richtung Lärm: vom Dach und vom Eingangstor wurde auf ihn gespritzt. So robbte er in Richtung Ausgang.

Gangl zertrümmerte das Ausgangstor

Als Löschmeister Gangl sah, daß Knappe in die Halle hineingestürzt war, rutschte er halb halsbrecherisch die Leiter hinunter und raste zur Eingangstür, wenige Meter von der Leiter entfernt. Dort hatten eben Feuerwehrmänner begonnen, die versperrte Tür mit Vorsicht , um nichts unnötig zu zerstören, aufzumachen, um einen Innenangriff zu versuchen.

Gangl kam dazu, nahm den arbeitenden Männern die Brechstange aus der Hand und schlug (als einziger wissend, was in der Halle passiert war) die Glastür ein und rief den anderen zu: „Der Knappe ist in die Halle gefallen.“ Er lief als erster in die Halle, hinter ihm zwei Männer mit schwerem Atemschutz. Gangl sah Knappe auf dem Boden robbend auf sich zukommen, er faßte mit der Hand unter dessen Bauch; Knappe sackte zusammen, als er spürte, daß ihm jemand half. OFm Windhager faßte ihn unter der Brust, Gangl bei den Kniekehlen, und so trugen sie ihn hinaus, während ein anderer Feuerwehrmann ihn mit Wasser aus einem HD-Rohr übersprühte, weil immer noch Stoffreste brannten.

Was geschah auf dem Dach weiter?

Nachdem Gangl die Leiter hinuntergerutscht war, kam Lm Streisselberger hinzu, Reitbauer und Schachner zogen die Amstettner Leiter auf das Dach und ließen sie durch das Loch in die Halle hinunter, um Knappe zu helfen, sie spritzten hinunter, die Hitze war aber, da durch den Fall Knappes das Loch noch viel größer geworden war, so groß, daß an ein Hinuntersteigen nicht mehr zu denken war. Die Leiter wurde später nicht mehr gefunden, sie muß geschmolzen sein. Die Männer räumten das Dach.

Erste medizinische Versorgung

Als Fm Ing. Fröschl hörte, daß jemand in die brennende Halle gestürzt war, rief er sofort Feuerwehrarzt Dr. Hoffer, der bereits eingetroffen war. Dieser stand schon bereit, als Knappe herausgebracht wurde. Dr. Hoffer hatte sofort das Notarztfahrzeug des Roten Kreuzes Amstetten angefordert, das mit Oberarzt Dr. Winkler bereits unterwegs war. Knappe wurde auf die Boforsschiene gelegt. Zur Vermeidung eines Lungenödems spritze ihm Dr. Hoffer sofort Auxison Dosier Aerosol aus einer Spraydose in die Mundhöhle (dieser Spray wird in fast jedem Einsatzfahrzeug der FF Amstetten mitgeführt), anschließend trat das Beatmungsgerät in Aktion, das sich im „Sauerstoffkoffer“ befindet. Eine Infusion konnte nicht verabreicht werden, da es zu finster war und Knappe sehr tiefliegende Venen hatte. Er wurde nicht in den inzwischen eingelangten SanKr gelegt, sondern in den Notarztwagen, der mit Oberarzt Dr. Winkler in diesen Minuten eintraf. Knappe wurde nur transportfähig gemacht und sofort in das Krankenhaus Amstetten gebracht. Dort wurde eine sofortige Überführung in die Intensivstation der Wiener Universitätshautklinik beschlossen. Wenn überhaupt, so gab es dort Chancen auf eine Rettung. Nur wenige Minuten wurde Knappe in Amstetten für den Transport vorbereitet, und noch während der Löscharbeiten befand er sich auf dem Weg nach Wien. Die Feuerwehr hatte mit alldem nichts mehr zu tun.

Wie der Einsatz zu Ende ging

Durch das Öffnen der doppelflügeligen Eingangstür drang nun viel Sauerstoff in die Halle, und binnen Sekunden stand sie in Vollbrand. Der Gasschieber auf der Südostseite der Halle konnte geschlossen werden. An die Südseite der Halle schloß in nur 40 cm Entfernung eine Zelthalle an, in der Gartengeräte lagerten. Diese Zelthalle konnte vollkommen gerettet werden, die Verbindungstür zur großen brennenden Lagerhalle wurde ständig gekühlt. In der voll brennenden Halle kam es immer wieder zu Verpuffungen von Spraydosen sowie Lack- und Bodenklebergefäßen, daher wurde der Hubsteiger der FF Amstetten bis 15 Meter über den Dachrand gehoben und bekämpfte von dort aus den Brand, gespeist von TLF 4000 Kematen, das von einer Zubringerleitung versorgt wurde. Der Gasschieber an der Südostecke war wohl geschlossen, dennoch wurde versucht, die Halle vor allem im Verlauf der Gasleitung „schwarzzumachen“.

Zu betonen ist noch, daß vom Einbrechen Knappes bis zum Heraustragen aus der Halle maximal fünf Minuten vergingen, nicht 15 Minuten, wie in Zeitungen fälschlich berichtet wurde.

Brandrat Dr. Hans Schneider

Der langsame Tod des Karl Knappe

Sofort nach der Überführung in die Intensivstation der Wiener Universitätshautklinik wurde alles Menschenmögliche versucht, um Karl Knappe zu helfen. Feuerwehrarzt Dr. Hoffer war aber von vornherein klar, daß die Chancen gleich Null waren. 60 Prozent Verbrennungen – das war zuviel. Der Oberkörper war fast frei von Brandwunden, vom Nabel abwärts sah es ganz böse aus.

Dr. Hoffer war in ständiger Verbindung mit den Ärzten und wurde auf dem laufenden gehalten, in den ersten Tagen durften ihn auch die Amstettner Kameraden mit Kommandant HBI Blutsch besuchen. Er war immer bei vollem Bewußtsein und bekam starke schmerzstillende Mittel. Er besprach mit den Kameraden die einzelnen Phasen des Einsatzes und betonte wiederholt, daß ihm niemand einen Befehl zum Erklettern des Daches gegeben hätte und daß sich niemand in dieser Hinsicht Vorwürfe zu machen hätte.

Knappe war ausgebildeter Feuerwehrsanitäter und wußte genau über Verbrennungen Bescheid. Als er bestimmte Medikamente erhielt, wußte er, was es geschlagen hatte, und ließ sich auch nichts ausreden. „Aber das wird schon wieder“, wollten ihn die Kameraden in ihrer verzweifelten Hilflosigkeit aufrichten, „Du hast ja im ‚brand aus’ (Jänner 1981, Seite 22) einen so tollen Artikel geschrieben, wirst sehen, das geht wieder, Du mußt nur Geduld haben!“ „Hm, „brand aus“, da könnt Ihr dazuschreiben: Dieser Artikel ist das Vermächtnis des Karl Knappe an die Feuerwehr!“ Trotzdem war er fast fröhlich und guter Dinge.

Am Mittwoch war Feuerwehrkurat Kreuzer aus Neuhofen an der Ybbs bei ihm. Knappe war eher kein religiöser Mensch, voll Tatendrang hatte er sozusagen „keine Zeit und kein Interesse“ für Religiöses. In der Wiener Intensivstation sprach er lange mit Feuerwehrkurat Kreuzer. „Wenn ich bisher vielleicht nicht gewußt habe, warum ich Feuerwehrkurat geworden bin, dann weiß ich es jetzt“, sagte Kreuzer zehn Tage später in seiner erschütternden Totenpredigt.

Ab Donnerstag wurde Besuchsverbot verhängt, nur noch engste Verwandte und einzelne Männer der FF Amstetten durften zu ihm.

Am Montag, dem 19. Jänner 1981, gegen 11 Uhr Vormittag wurde ein operativer Eingriff vorgenommen, als letzter Versuch sozusagen. Dabei trat Herzversagen ein. Knappe konnte noch einmal ins Leben zurückgerufen werden, er starb aber um 14 Uhr nachmittag.

„... ich melde: 469 Feuerwehrmänner angetreten ...“
Das Begräbnis von Karl Knappe

24. Jänner 1981. Ein eisiger Jännersamstag, starker Nebel in Amstetten. Schon weit vor der Feuerwehrzentrale werden wir von einem Kameraden eingewiesen. Auf dem weiten Platz stehen die Fahrzeuge, in der Hallenmitte schwarzes Tuch, Knappes Bild mit Trauerflor, der Sarg, Ehrenwache der Feuerwehr. Im ganzen Feuerwehrhaus Feuerwehrmänner. „Daß wir uns bei einem solchen Anlaß wieder sehen müssen“, hört man immer wieder, redet nicht viel.

In der Fahrzeughalle sein Platz für die Einsatzbekleidung. Platz 23. Gekreuzte Ruder (Knappe war auch bei der Wasserwehr), auf einem Ruderblatt ein kleines Holzkreuz, ein Zeitungsausschnitt, auf dem Fußboden eine Kerze. Sonst nichts. Manch einer, der vorbeigeht, preßt die Lippen zusammen.

In der riesigen Halle haben sich die Züge formiert, um Punkt zehn Uhr wird es von selbst ruhig. „Herr Präsident, ich melde:469 Feuerwehrmänner und Männer des Roten Kreuzes zum Begräbnis angetreten.“ „Lassen Sie ruhen!“, sagt Präsident Kast ruhig, beherrscht, daß es einem mehr durch Mark und Bein geht als ein schneidender Befehl bei der Siegerverkündung in Stockerau oder in Laa an der Thaya.

Kommandant HBI Blutsch spricht von Knappe als dem Mann der Tat und des praktischen Zugreifens, von dem begeisterten Feuerwehrmann, der seit seinem Feuerwehreintritt keinen Bezirks- und Landesfeuerwehrleistungsbewerb ausgelassen hat. Er nimmt von einem Freund und Kameraden mit dem letzten „Gut Wehr“ Abschied, spricht vom letzten Einsatz, zu dem Knappe heute erschienen sei.

„Als ich gestern abend junge Feuerwehrmänner vereidigt habe, habe ich an unseren Kameraden Blutsch gedacht“, sagt Präsident Kast. „Es ist eine furchtbare Verantwortung für einen Kommandanten, junge Leute in die Feuerwehr aufzunehmen. Für Deine Treue können wir Dir nur unsere Treue geben.“ Kast erinnert an das Feuerwehrgelöbnis „...mein Leben einzusetzen ...“, und plötzlich gar nicht offiziell, sondern ganz menschlich, ganz privat, ganz getroffen: „Leb wohl!“ Die versteinerten Männergesichter unter den Feuerwehrhelmen, die zusammengebissenen Zähne – alles nur Schutz, damit nicht nach außen dringt, was da innen so unausdrückbar vor sich geht.

„Es ist nicht köstlich, so früh danken zu müssen“, verabschiedet sein Chef den Kameraden (Knappe war bei der NÖ Gebietskrankenkasse angestellt). Die erste Einsegnung durch drei Feuerwehrkuraten, dann treten die Marschblöcke langsam in den klirrend-kalten Tag, eine lange, nicht endenwollende Formation, auf zwei Kommandofahrzeugen die vielen Kränze aufgepackt, die Eltern des Unverheirateten.

In der Kirche die Totenmesse. Feuerwehrkurat Kreuzer spricht – man könnte eine Stecknadel fallen hören: „Feuerwehr – das ist eine innere Haltung. Für Orden und die Ehre tut man das nicht. Wir wollen das, was Du getan hast, weitertragen, dann hat Dein Tod einen Sinn gehabt. Gott, gib ihm das, was wir ihm nicht geben können: das Leben.“

Während der Sarg in die hartgefrorene Erde gesenkt wird, gehen Hunderte Feuerwehrmänner die Friedhofsmauer entlang und bilden einen riesigen Kreis um Knappe.

Brandrat Dr. Hans Schneider