Quellen und Quellenkunde

Nach einem im März 1994 von Dr. Hans Schneider (1) gehaltenen Vortrag
bearbeitet und ergänzt von Adolf Schinnerl (2)

  • Was kann die einzelne Feuerwehr tun?
  • Welche Hilfestellungen sind von anderen Einrichtungen zu erwarten?

Quellenkunde bedeutet:

  • Historische Hilfsdisziplin zur Beschaffung der für die Forschung notwendigen Informationen.
  • „Historiker als Reporter der Vergangenheit“.
  • Verpflichtung zur seriösen Auswertung und Bearbeitung.
  • Quellenkritik.

Quellen sind:

  • Alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.
  • Schriftliche Aufzeichnungen.
  • Mündliche Überlieferungen (Feuerwehrmänner, zivile alte Männer und Frauen).
  • Realien (auch Maschinen, Fahrzeuge und Zeugstätten).

 

Unterscheidung in Primär-, Sekundär- und dingliche Quellen:

Primärquellen:

  • Protokoll/Dienst/Kassabücher,
  • Dienstanweisungen/Rundschreiben,
  • Einsatzberichte,
  • Schriftverkehr,
  • Rechnungen,
  • Urkunden,
  • Fotos.

Sekundärquellen:

  • Zeitungen,
  • Festschriften,
  • Chroniken,
  • Bücher.

Dingliche Quellen = Realien:

  • Denkmäler, Gedenktafeln,
  • Museumsstücke aller Art,
  • Ehrengeschenke.

 

Quellenkritik:

  • Quellen sind abhängig von den jeweiligen Gesellschaftsstrukturen und örtlichen Verhältnissen;
  • können daher manipuliert und politisch gefärbt sein
  • und spiegeln das Zeitgeschehen.
  • Daher nach Möglichkeit die Inhalte mehrere Quellen vergleichen und gegenüber dem Zeitgeschehen kritisch überprüfen.
  • Geschichtliche Umstände können aber nicht mit heutigen Maßstäben beurteilt werden, was die richtige Interpretation erschwert.

 

A. Woher Material für die Geschichte der örtlichen Feuerwehr?

Mosaiksteinchen sammeln:

  • Bestände sind sehr unterschiedlich vorhanden; Lücken können bestehen (z.B. NS-Zeit).
  • Material kommt nicht nur aus der eigenen Feuerwehr.
  • Aufarbeitung nach Archivordnung. Siehe („Archivieren – Archivordnung“.
  • Verzeichnisse anlegen (je nach gegebenen Möglichkeiten – EDV-Dateien, Karteikarten usw.),
  • Quellenangabe eintragen,
  • nach Datum einordnen (Archivkartons, Ordner),
  • dabei auch auf Ergänzungs- und Erweiterungsmöglichkeiten achten.

 

1. Material in der Feuerwehr:

a) Protokollbücher:

Protokollbücher gehören zu den wichtigsten Quellen, beinhalten aber meistens auch nicht alles (Tagebücher wurden erst viel später eingeführt). Es sind hauptsächlich die Tagesordnungspunkte der Kommando(Leitungs)-Sitzungen beschrieben. Die Einsätze finden sich meist erst im Bericht an die General(Jahreshaupt)versammlung.

Sie sind manchmal als Einzelbögen, in der Regel aber in Buchform vorhanden.

Dazu die Einladungen (Kurrenden).

b) Mannschaftslisten:

Angelegt zur Mannschaftsführung,

zum Inkasso der Mitgliedsbeiträge,
zur Geldeintreibung (Unterstützungskassa, Sterbekasse, Fonds usw.),
zur Ausrüstungsabgabe (Bluse, Hose übernommen usw.).

c) Rechnungs(Kassa)bücher:

In diesen sind oft die Gründungsphasen und die Entwicklung der Ausrüstung bis heute genau rekonstruierbar: Welche Dinge, wann, von welchen Lieferanten gekauft wurden; auch wer was gespendet hat.

d) Geräteschrifttum:

Prospekte, Anbot, Korrespondenz, Lieferart, Rechnung, Reklamationen, Ausscheidung (wie lang war ein Gerät in Verwendung).

e) Festabrechnungen:

Eingeschlossen der gesamte Schriftverkehr und die organisatorischen Unterlagen einschließlich Plakate.

f) Korrespondenz mit:

Landesverband,
Bezirksverband,
Gemeinde (Übergaben, Förderungen, Feuerbeschau usw.).

g) Lokalzeitungsausschnitte:

Alle die Feuerwehr betreffenden Meldungen mit Datumsangabe (am besten Ausschnitte mit Kopf-/Datumszeile).

h) Feuerwehrzeitungen:

Originale oder abgelichtete Ausschnitte mit genauer Quellenangabe (Nummer, Jahrgang, Seiten).

i) Bildarchiv:

Alle Bilder möglichst mit Datum, Ereignis und Namen beschriftet.

j) Firmenprospekte und Werbematerial.

k) Bücher und Festschriften.

l) Kleinschriften.

m) Plakate.

n) Von anderen Feuerwehren:

Einladungen, Ballkarten, Plakate.

 

2. Material aus Nicht-Feuerwehr-Quellen:

a) Pfarrchronik:

Josef II. schrieb den Pfarren die Führung von Pfarrchroniken vor. Diese werden vielerorts bis heute geschrieben. Sie sind nicht immer gleich ausführlich geführt und weisen verschiedene Gewichtungen auf. Sie sind aber nicht in allen Pfarren vorhanden (es besteht die Möglichkeit, dass sie in das Diözesanarchiv gegeben wurden oder verloren gegangen sind).

Darin zu finden sind vor allem kirchliche Ereignisse, aber auch Katastrophen (Brände, Überschwemmungen, Stürme, Hagelschlag, Missernten usw.).

b) Schulchronik:

Deren Inhalt ist auch stark vom jeweiligen Schulleiter abhängig. Neben den Schulereignissen und Festlichkeiten sind wie in der Pfarrchronik auch Katastrophen verzeichnet.

c) Gendarmeriechronik:

In den Gendarmerie-Postenkommanden werden ebenfalls Chroniken geführt. Hier sind zwangsläufig alle Großereignisse zu finden, bei denen von den Beamten Amtshandlungen und Beobachtungen zu tätigen und Berichte anzufertigen waren (zur Gewährung der Einsichtnahme ist ein besonderes Einvernehmen mit dem Postenkommandanten herzustellen und absolute Diskretion an den Tag zu legen).

Für die Feuerwehrgeschichte sind hier von Interesse: Großbrände, Brandermittlung, Brandstifter, Großunfälle, Naturkatastrophen usw.

d) Eisenbahnchronik:

Aufzeichnungen in den Bahnhöfen.

e) Gemeindeakten:

Gemeinderatssitzungsprotokolle und Rechnungsbücher bergen viele Feuerwehrangelegen-heiten.

f) Lokal- und Regionalzeitungen:

Welche wurde in unserer Gegend gelesen? An welche hat der Schriftführer berichtet? Ab wann gab es sie? Wo stehen sie? Kann man Ablichtungen bekommen?

Was steht am ehesten dort vermerkt:

Einsätze, Jubiläen, Wahlen, Jahreshauptversammlungen.
Ereignisse der Nachbarfeuerwehren, bei denen unsere FF zugegen gewesen sein könnte.
Berichte über den Bezirksfeuerwehrverband.

g) Feuerwehrzeitungen:

Von Anfang an haben die meisten Landesfeuerwehrverbände ein „Organ“ (Zeitung). Falls die Feuerwehr rührige Schriftführer hatte, sind dort viele Berichte zu finden.

h) Archiv und Chroniken der Nachbarfeuerwehren:

Hier kann man Unterlagen von gemeinsamen Einsätzen, Besuch von Jubiläumsveranstaltungen, Tagungen des Bezirksfeuerwehrverbandes finden und so die eigenen Daten ergänzen.

i) Augen/Zeitzeugen:

Befragung: Dazu muss man den Rahmen der betreffenden Geschichtsepoche kennen, da alte Leute vieles durcheinander bringen.

j) Fotografien:

Fotografien sind wichtige Dokumente. Auch solche von Gemeindeereignissen.
Ausborgen und davon eine Kopie anfertigen lassen (Bild vom Bild)
oder als Schenkung (Vermerk hinten drauf schreiben) übernehmen.

Wichtig ist die Beschreibung von Personen und des Geschehens mit Ortsangabe und Datum.

k) Vereinsakte der Behörde:

Der Vereinskataster ist entweder in der Bezirkshauptmannschaft oder im Landesarchiv aufbewahrt. Manche haben alles aufgehoben, leider sind solche auch verschollen (bzw. vernichtet worden).

l) Archiv und Chroniken von lange bestehenden Ortsvereinen.

 

B. Aufgaben des Landesfeuerwehrverbandes

1. Sammeln und Zugänglichmachen von Landesmaterial:

 

a) Feuerwehrfachzeitschriften:

Anfangs schon hatten die meisten Landesfeuerwehrverbände ein „Organ“, eine Zeitschrift, in der sie ihre Protokolle und Lokalberichte veröffentlichten.

Wichtig Quelle, weil darin viel zu finden ist:

  1. Protokolle der Landesverbandssitzungen und der Feuerwehrtage.
  2. Berichte von den Bezirks(Gau)-Feuerwehrtagen.
  3. Hunderte Lokalberichte. Diese nach Orten und Zeit aufschlüsseln und zugänglich machen.
  4. Zeitgenössische Firmen (Annoncen, Vorstellung von Geräten und Fahrzeuge).

Siehe Verzeichnis unter („Zeitungen“.

 

b) Lokalzeitungen:

Wo gab es solche für welche Region? Heutige Standorte.

Ablichtungen, Aufschlüsselung nach Orten und Daten.

 

c) Landesarchiv:

Information über das Vorhandensein von Vereinsakten der k.k. Statthalterei (Nichtuntersagungsbescheide, Berichte von Wahlen und Jahreshauptversammlungen usw., welche von Bezirkshauptmannschaften übernommen wurden).

Material aus der Zeit des Entstehens der Feuerpolizeiordnung des Landes

und aus der NS-Zeit.

 

d) Archiv des Landesfeuerwehrverbandes:

Bestandsaufnahme, Bekanntmachung.

 

e) Alte Geräte und Fahrzeuge:

Bildkartei der alten Fahrzeuge und Geräte.

Wo stehen solche noch? Wo können sie besichtigt werden (zwecks Beispiel für Restaurierung eigener Geräte)?

Plan, was man an Geräten aufhebt. Typische Fahrzeuge (eher weniger Spezial- und Ausnahmskonstruktionen) jeder Zeitepoche, die in vielen Feuerwehren verwendet wurden. Versuch, einzelne bei Betreuungsfeuerwehren unterzubringen.

 

f) Gut detaillierte Geschichte des Landesfeuerwehrverbandes:

Damit man einzelne und örtliche Ereignisse in einen Zusammenhang stellen kann.

 

g) Alle Bücher, Kleinschriften, Vorschriften:

Verzeichnis der Bibliothek.

 

h) Firmenprospekte:

Sammlung (zumindest Ablichtungen).

 

2. Feuerwehrhistoriker, Archivare, Sammler, Oldtimer-Spezialisten und ihre Betreuung:

Der Landesfeuerwehrverband kann nicht alle Feuerwehren einzeln betreuen. Daher Bestreben, alle feuerwehrgeschichtlich tätigen Gruppen zusammen zu führen und einander bekannt zu machen.

Versuch, in jedem Bezirk einen guten Historiker zu haben, der die Bestände kennt, beim Ordnen und Konservieren hilft, Ratschläge für Restaurieren gibt und Spezialisten vermittelt.

Durchführung eines Feuerwehrgeschichte-Lehrganges, ergänzt durch Seminare und Workshops.

Jährliche Tagungen zum Gedankenaustausch mit Fachthemen, stückweise Aufarbeitung der Verbandsgeschichte und Veranschaulichung mit Dokumenten, Gegenständen, Fahrzeugen usw.

 

C. Österreichischer Bundesfeuerwehrverband

Das Sachgebiet 1.5 „Feuerwehrgeschichte und Dokumentation“ im ÖBFV wurde in der 209. Präsidialsitzung unter dem Vorsitz von Präsident Erwin Nowak am 11. November 1988 eingerichtet. Die konstituierende Sitzung mit Mitarbeitern aus den meisten Landesfeuerwehrverbänden fand am 17. März 1989 in Wels statt.

Aufgabe ist die

  • Koordinierung der Aufgaben zur Feuerwehrgeschichte,
  • Durchführung von Multiplikatoren-Lehrgängen zur Feuerwehrgeschichte,
  • Erstellung von Arbeitsunterlagen,
  • Veröffentlichung einschlägiger Aufsätze.

 

Verantwortlicher als Referent des ÖBFV-Referates 1, Präsidielle Angelegenheiten, ist seither

Bundesfeuerwehrrat Dr. Alfred Zeilmayr, Oberösterreich.

Sachbearbeiter

war von 1988 bis 1997 Oberbrandrat Dr. Hans Schneider, Niederösterreich, (gestorben am 15. Jänner 1997),

zu seinem Nachfolger wurde am 7. April 1997 Brandrat Adolf Schinnerl, Salzburg, bestellt.

Mitglieder sind derzeit:

Burgenland: Brandinspektor Karl Gruber, Pöttsching
Kärnten: Brandrat Roman Felsner, Maria Rain
Niederösterreich: Abschnittsbrandinspektor Jörg Würzelberger, Klosterneuburg
Oberösterreich: Oberbrandinspektor Erwin Chalupar, Grünbach
Salzburg: Brandrat Adolf Schinnerl, Adnet
Steiermark: Abschnittsbrandinspektor d. Verw. Mag. Max Aufischer, Laßnitzhöhe
Tirol: Hauptbrandinspektor Manfred Liebentritt, Innsbruck
Vorarlberg: Oberlöschmeister Peter Schmid, Nenzing-Motten
Wien: Brandrat Ing. Manfred Görlich, Wien

 

 

D. CTIF – Internationales Technisches Komitee für vorbeugenden Brandschutz und Feuerlöschwesen

a) Internationale Arbeitsgemeinschaft für Feuerwehr- und Brandschutzgeschichte

Diese Arbeitsgemeinschaft besteht seit 1993, (einer der Gründer war Oberbrandrat Dr. Hans Schneider), hat ihren Sitz in Pribyslav, Tschechien, und ist eine offene Plattform für alle an der Feuerwehrgeschichte interessierten Persönlichkeiten. Die Mitarbeit ist von einer Delegierung durch National-, Landes- oder Gebiets-Feuerwehrverbände unabhängig.

Vorsitzende sind derzeit Dr. Jaromír Tausch, Tschechien, und Adolf Schinnerl, Österreich.

In den jährlich stattfindenden mehrtägigen Tagungen wird jeweils ein spezielles Thema zur Feuerwehrgeschichte erarbeitet und in einem Tagungsband – eine „Fundgrube“ für den Feuerwehrforscher - dokumentiert.

 

b) CTIF-Kommission „Feuerwehr- und CTIF-Geschichte, Museen und Dokumentation“

Diese CTIF-Kommission hat sich am 21. Oktober 1998 konstituiert. In sie nominieren die nationalen CTIF-Komitees in der Regel einen Delegierten. Erster Vorsitzender war bis 2002 CTIF-Ehrenpräsident Dipl. Ing. Gunnar Haurum, Dänemark. Zu seinem Nachfolger wurde am 12. Oktober 2002 BR Adolf Schinnerl, Österreich, gewählt.

Derzeit haben die Komitees von Belgien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Kroatien, Niederlande, Österreich, Polen, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn Feuerwehrhistoriker nominiert.

Die Aufgaben der Kommission sind:

  • Historische und aktuelle Quellenmaterialien von den CTIF-Mitgliedsnationen zu sammeln,
  • Erarbeiten von Sonderthemen (zum Beispiel Definition Feuerwehrmuseum, Richtlinie Oldtimer-Bewertung),
  • Unterstützung der „Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Feuerwehr- und Brandschutzgeschichte“,
  • Forschungswünsche der CTIF-Mitgliedsnationen der Arbeitsgemeinschaft zu unterbreiten,
  • die Forschungsergebnisse und gesammelten Dokumente weiterzuleiten,
  • den Ausbau des CTIF-Dokumentationszentrums in Pribyslav zu unterstützen,
  • Erstellung eines Jahresberichtes und Vorlage an die jährlich tagende Delegiertenversammlung des CTIF.

 

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  1. OBR Dr. Hans Schneider, Wien; Referent des Landesfeuerwehrverbandes Niederösterreich und erster Sachbearbeiter des ÖBFV-Sachgebietes 1.5 Feuerwehrgeschichte und Dokumentation, (1997.
  2. BR Adolf Schinnerl, Adnet, Referent des Landesfeuerwehrverbandes Salzburg und Sachbearbeiter des ÖBFV-Sachgebietes 1.5 Feuerwehrgeschichte und Dokumentation.

 

Ablage unter: Quellen und Quellenkunde

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: Oktober 2005/2