Oberbrandrat Dr. Hans Schneider

Biografie des Mentors der Feuerwehrgeschichte

Autor: Adolf Schinnerl (1)

Hans Schneider wurde am 22. Dezember 1931 in Wien geboren und besuchte dort auch die Grundschule und das Gymnasium. Am 7. September 1952 trat er in das Zisterzienserstift Zwettl ein und wurde nach Studienjahren an der Päpstlichen Hochschule Sant' Anselmo in Rom am 21. Juli 1957 zum Priester geweiht.

Als Pater Bruno war er bis 1967 Präfekt der Zwettler Sängerknaben, arbeitete 1968 und 1969 im Generalatshaus des Zisterzienserordens in Rom und leitete von 1970 bis 1976 das Bildungshaus Stift Zwettl.

1974 sagte er zu seinem Diözesanbischof „ich möchte einfach Christ sein und anderen Menschen von meinem Glauben an Gott erzählen – nicht mehr und nicht weniger“. Am 16. August 1976 trat er aus dem Orden aus, um eine Ehe einzugehen. Bis zu seinem Tod am 15. Jänner 1997 hat er versucht, nach diesen Worten zu leben.

Feuerwehrmann

Über den Stiftschauffeur, der ein überzeugter Feuerwehrmann war, kam Pater Bruno im Jahr 1970 zur Freiwilligen Feuerwehr Stift Zwettl. Warum sollten nur die Stiftsangestellten Feuerwehr machen und das Kloster schützen, während sich die zum Teil jungen Patres, denen das Ganze gehörte, fernhielten, war seine Überlegung. So ist er beigetreten, wollte aber nur ein einfacher Feuerwehrmann und dabei auf keinen Fall „patschert“ sein. Er konnte zwar im Mönchsgewand schön „schreiten“, aber das Marschieren habe ihm erst der Bezirksfeuerwehrkommandant beigebracht, gestand er einmal. Überhaupt gefiel ihm das Paramilitärische der Feuerwehr, die äußere Form als Symbol inneren Gleichklangs. Es war für ihn ehrenvoll, mit seiner Feuerwehr das Feuerwehrleistungsabzeichen in Bronze und Silber zu erwerben. Er hatte das Bedürfnis, nicht als Geistlicher ein „Besserer“, sondern einfach als Mensch brauchbar zu sein.

Feuerwehrkurat

Gerade in dieser Zeit begann man in Niederösterreich Feuerwehrkuraten zu ernennen. Die Feuerwehren konnten ein wenig Motivation und moralische Aufmöbelung durchaus brauchen. So wurde auch Pater Bruno zum Feuerwehrkuraten vorgeschlagen, ernannt und seine Uniform, die er sich selbst kaufte, mit dem violetten Samtaufschlag und dem goldenen Kreuz geschmückt. Er hat schnell die Zuneigung der Feuerwehrmänner gefunden und wurde zu Feuerwehrveranstaltungen eingeladen, zelebrierte die Feldmessen und hielt Einkehrtage für die Kameraden. Gerne erzählte er, dass er am Anfang furchtbar lange gepredigt habe, wo doch in der prallen Sonne nur ein kleines Grußwort gefragt war. Das habe ihm aber niemand gesagt. Das hat er aber bald selbst erkannt, und heute haben ihn alle als hervorragenden, ausdrucksstarken und glaubwürdigen Prediger in Erinnerung. Bei allem schönen Feiern ging es ihm aber um die Seelsorge, und so mancher Feuerwehrkamerad holte sich bei ihm Rat und Zuspruch.

Wieder Laie

Im Sommer des Jahres 1976 vernahmen die Feuerwehrleute mit Bangen, dass Pater Bruno das Stift verlassen habe. Nach langem harten Ringen mit sich selbst hatte er die Entscheidung getroffen und gehofft, in der Nachkonzilszeit als Nichtzölibatärer im kirchlichen Dienst weiterhin wirken zu können. Für ihn war aber kein Platz, und das sei bitter gewesen, eine ganz empfindsame Zeit, sagte er später. Die Heimat Kirche musste er zwar opfern, er blieb aber derselbe, der er war und nahm sich vor, zu den gleichen geistigen und herzensmäßigen Bedingungen allen zur Verfügung zu stehen. Auf die Annahme dieser Bereitschaft musste er aber noch warten. Schließlich wurde er im Oktober 1977 von Rom offiziell laisiert. Am 17. November 1977 war er mit seiner Frau Ulrike auf dem Standesamt, zwei Tage später in Deutsch-Wagram kirchlich getraut. Sepp Kast war sein Trauzeuge.

Neue geistige Heimat

Ein Brief von Landesfeuerwehrkommandant Sepp Kast, der erste, den Hans nach seinem Weggehen aus dem Stift erhielt, war ein Schlüsselerlebnis in seinem neuen Leben. Kast schrieb ihm, dass man den offenen und ehrlichen Schritt schätze, ihn als Menschen und Kameraden achte, Männer wie er ihren Platz in der Feuerwehr hätten und bat ihn, in der Feuerwehr zu bleiben. Und die Feuerwehr hatte Hans wieder.

Freund der Feuerwehrjugend

Kinder in das Haus zu nehmen, bringt eine große Verantwortung mit sich. Bisher lernte man allerdings in der Feuerwehr praktischere Dinge als Jugendausbildung. Da brachte Hans seine ganze Erfahrung als ehemaliger Konvikts-Präfekt mit Begeisterung bei der Ausbildung der Jugendführer ein. Jugendbildnerische, psychologische und pädagogische Elemente fanden Eingang in die Ausbildungsunterlagen. Er begleitete auch gerne die Feuerwehrjugend bei ihren Zeltlagern (mit Freude gestaltete er die „Lagerzeitungen“) und Bewerben und wurde nicht müde, die Feuerwehrfunktionäre von der Jugendarbeit zu überzeugen. Zuerst in Niederösterreich, dann in den meisten Bundesländern und in Südtirol.

„brand aus“

Die Zeitschrift des Niederösterreichischen Landesfeuerwehrverbandes wurde ein Herzensanliegen von Dr. Hans Schneider. Mit großem Idealismus hatte er am 1. März 1977 den Dienst im Landesfeuerwehrkommando in der Wiener Bankgasse angetreten. Mit viel Fleiß setzte er sich für die Grunderneuerung und Weiterentwicklung von „brand aus“ ein.

Hier fand er seinen Weg. Er wollte die logischen Abläufe eines schweren Einsatzes nachvollziehbar und lehrreich machen. Dazu fuhr er zu den Einsatzleitern hinaus und ließ sich das Geschehen erklären. Oder es halfen ihm dabei Kollegen an den anderen Schreibtischen. So wurden seine Aufsätze bald recht leserlich. Er versetzte sich immer in die Situation des vielbeschäftigten Feuerwehrmannes, dem „brand aus“-Lesen ein Vergnügen bereiten sollte. Hans war bestrebt, eine fachlich kompetente, gut lesbare Zeitschrift zu machen.

Es gab auch sehr traurige Einsätze mit toten und verletzten Feuerwehrkameraden - da kam er nicht allein als Journalist, sondern auch als Seelsorger. So war er den Verantwortlichen und der Mannschaft ein willkommener Tröster und Helfer bei der Bewältigung von Stresssituationen nach einem solchen Ereignis. Wie er überhaupt die menschliche Seite nicht ausgeklammert wissen wollte, als er die Feuerwehr als „Haudegenverein“ erkannte.

Ein großer Erfolg war die Serie „menschlich“. Die Themen aus dem Feuerwehralltag (über Erziehung, Planung, Menschenführung u.a.m.) wurden gerne gelesen. Auch die Frauen griffen nach diesen Seiten, und man wartete schon auf die Zeitung wegen dieser Artikel. Die Männer sollten Haltung haben. Das Ideal ist nicht nur das Löschen, sondern vor allem, den Menschen helfen zu wollen. Ethische Schulung war gefragt. Hier wollte er richtungweisend sein. Das alles machte „brand aus“ zu einem unverwechselbaren Organ in der Feuerwehrzeitungslandschaft, und mancher Landesfeuerwehrkommandant meinte: „Ja, einen Schneider müsste man haben.“

Als er nach Jahren zum Oberbrandrat befördert wurde, meinte ein Journalistenkollege:

„Sein Verdienst ist, dass er die niederösterreichische Feuerwehrzeitung in der Auswahl und im Stil entschlackte und daraus ein Medium geschaffen hat, das in jeder Hinsicht beispielgebend ist, wobei sich die Berichterstattung auf drei Schwerpunkte stützt: Auf die Analyse von schwierigen und gefährlichen Feuerwehreinsätzen, auf die historische Entwicklung unseres Feuerwehrwesens und die Stellenwertbestimmung der charakterlichen Vorzüge des Feuerwehrmannes, der auch in dieser Hinsicht Vorbild in seiner Zeit sein muss, in der der Materialismus den Eigennutz vor dem Gemeinnutz lächerlich werden lassen möchte. Das hohe Ziel, das er sich gesteckt hat, verwirklicht er in einem klaren, überzeugenden und leicht verständlichen Stil, der bei allen, die sich für die Probleme des Brand- und Katastrophenschutzes interessieren, akzeptiert wird. In dieser Hinsicht muss auch allen gedankt werden, die dafür Verständnis haben, dass für unwichtige Feuerwehr-Interna und Feuerwehrhofberichte über kleine und große Möchtegern-Feuerwehr-Kaiser in der Feuerwehrberichterstattung kein Platz mehr sein darf. Gerade in dieser Hinsicht hat Dr. Schneider gezeigt, was zum Besseren der sachlichen Information machbar ist.“

Feuerwehrgeschichte

Einmal entdeckt, ließ Hans Schneider seine Liebe zur Feuerwehrgeschichte nicht mehr los. Schon 1980 begann er mit dem Aufbau eines historischen Feuerwehrarchives im NÖ Landesfeuerwehrkommando. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen zur Feuerwehrgeschichte und die Arbeit für "Das große niederösterreichische Feuerwehrbuch" im Jahr 1986. Er richtete die Reihe "Niederösterreichische Feuerwehrstudien" zur nö. Feuerwehrgeschichte ein, bemühte sich um die Ausbildung der Feuerwehrarchivare und hielt viele Vorträge zu diesen Themen.

Höhepunkte seines Schaffens waren die Ausstellungen und Vorträge zum 100-Jahre-Jubiläum des Österreichischen Bundesfeuerwehrverbandes 1989 in Wels und das 125-Jahre-Jubiläum des Niederösterreichischen Landesfeuerwehrverbandes 1994 in Baden.

1988 fand sich ein Nachfolger als „brand aus“-Redakteur. Hans konnte sich bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1990 ganz historischen Themen widmen. Auch nach seiner Pensionierung blieb er ein emsiger Forscher auf diesem Gebiet.

Die nicht mehr bestehenden freiwilligen Feuerwehren auf Wiener Gemeindegebiet und die deutschen Feuerwehren in Böhmen und Mähren sowie die Geschichte der frühen Feuerwehrpioniere waren ihm ein besonderes Anliegen. Diese einst so tüchtigen Feuerwehrmänner dort dürften nicht vergessen werden. So hat er auch das Grab von Reginald Czermack in Teplitz gesucht und gefunden und mit Hilfe des ÖBFV vor dem Verfall gerettet.

ÖBFV und CTIF

1988 wurde im Österreichischen Bundesfeuerwehrverband der Arbeitsausschuss „Feuerwehrgeschichte“ eingerichtet und Dr. Hans Schneider mit der Leitung betraut. Mit der konstituierenden Sitzung am 17. März 1989 in Wels leitete er die österreichweite Zusammenarbeit auf diesem Gebiet ein. Es ist sein Verdienst, dass sich heute viele Feuerwehren für ihre Geschichte begeistern.

Dr. Schneider vertrat den Österreichischen Bundesfeuerwehrverband auch beim ersten CTIF-Symposion zur Feuerwehrgeschichte im September 1992 im tschechischen Pribyslav. Das Methodische Zentrum des Feuerschutzes in Pribyslav sollte ihm noch ein besonders Anliegen werden. Dieses war in Gefahr, aufgelöst zu werden. Dr. Schneider setzte sich europaweit für die Erhaltung ein.

Die Arbeitsgemeinschaft für Feuerwehr- und Brandschutzgeschichte im CTIF wurde mit der Absicht gegründet, sich jährlich zu einer Fachtagung zu treffen, bei der Dr. Hans Schneider und Dr. Jaromír Tausch gemeinsam den Vorsitz führen. Diese Bemühungen waren von Erfolg gekrönt.

Geschichte des Zisterzienser-Ordens

Sooft es seine Zeit zuließ und sogar bis zu seinen allerletzten Lebenstagen verfasste Hans Schneider Studien zur Geschichte „seines“ Zisterzienser-Ordens (Analecta Cisterciensia in Rom), zumal er der Sprachen Latein und Italienisch mächtig war. Es sind neue Kontakte mit der Ordenskurie und dem Generalatshaus entstanden. So fuhr er jedes Jahr einige Male zu Forschungszwecken nach Rom.

Eine tiefe Freundschaft entstand. Er machte alles mit, was die Kommunität unternahm, betete das Chorgebet in der Gemeinschaft mit und saß im Refektorium auf seinem Platz, wie er es in seiner Studienzeit gewohnt war.

Er erzählte, diese schönen Wochen in Rom seien für ihn zugleich eine Probe gewesen, ob sein Entschluss, aus dem Kloster wegzugehen, richtig gewesen war. Er betonte: „Es war richtig, und es tat mir nie leid. Jedesmal, wenn ich wieder das Flugzeug oder den Zug bestieg, fühlte ich, dass es Zeit sei. Zu Hause war ich in Wien bei meiner Frau Ulrike.“

Wiener Madrigalchor

Und noch ein Standbein bzw. Hobby hatte Hans Schneider. Er war begeisterter Musikliebhaber und leidenschaftlicher Basssänger beim Wiener Madrigalchor. Keine der zweimal wöchentlichen Proben versäumte er unentschuldigt. Seine letzte Probe war am 16. Dezember - einen Monat vor seinem Tod. Bei zahlreichen Konzerten im großen Saal des Wiener Musikvereins und an anderen Orten hat er mitgesungen. Seine Lieblingskomponisten waren J. S. Bach, J. Brahms, J. Haydn, G. F. Händel, F. Mendelssohn Bartholdy, G. P. Telemann, um nur einige zu nennen.

Begeisterungsfähig und charakterstark

Besonders gerne half Hans Schneider mit, bei großen Veranstaltungen die Gemeinschaftsgottesdienste zu gestalten. Besonders beeindruckend war beim internationalen Feuerwehrjugendleistungsbewerb in Perchtoldsdorf die Darstellung des barmherzigen Samariters anstelle der Predigt - das haben alle Teilnehmer in ihrer Sprache bestens verstanden.

Oder der große Kreis von sich an den Händen haltenden Feuerwehrmännern aus allen Teilnehmerländern rund um den Altar im Stadion von Böblingen beim gemeinsamen „Vater unser“, das jeder in seiner Muttersprache betete. Die Feuerwehr als große Völkerfamilie, da konnte er sich begeistern.

Da war auch die stille Teilnahme mit Bewerterkameraden in Uniform an der Sonntagsmesse in Havlickuv Brod, als kein Gottesdienst auf dem offiziellen Programm des Feuerwehrjugendtreffens stand. Das war in der damaligen CSSR ungewöhnlich und nach der Messe kamen einheimische Kirchenbesucher zur Gruppe und bedankten sich mit Tränen in den Augen für dieses Glaubenszeugnis. Er war immer Priester, das fühlte man, wenn man neben ihm auf der Kirchenbank saß. Auch in all seinen Vorträgen und Referaten konnte man den tiefen Glauben spüren.

Hans Schneider war als geborener Wiener ein begeisterter Niederösterreicher. Das gemeinsame Österreich liebte er aber ebenso. Auf das Gelungene darf man stolz sein. Erfolge, egal auf welcher Ebene, sollten nicht zum Schulterschluss gegen andere führen. Im Gegenteil, diese sollten zur Hilfe für andere anspornen.

Wichtig war ihm auch die geschichtliche Wahrheit. Schönfärben und falsches Idealisieren der Vergangenheit lehnte er ab. Für Nationalistisches konnte er ebenfalls kein Verständnis aufbringen, wenn er auch dazu aufforderte, das Gute der Traditionen zu pflegen und zu behalten. Die Vergangenheit sei aber allemal aufzuarbeiten.

Wie schon erwähnt, gefiel Hans Schneider an der Feuerwehr auch das Militärische (am liebsten marschierte er in der Gruppe der Feuerwehrjugend-Bewerter mit). Die Männer unterstellen sich einem Kommando und demonstrieren so Macht und Ordnung. Sie mögen aber immer kritisch-skeptisch bleiben und sofort aus der „Einteilung“ treten, wenn ein Kommandierender ihre Bereitschaft missbrauchen sollte, war seine Botschaft.

Immer fühlte er sich wohl in geselliger Runde. Beim Alkohol mehr als zurückhaltend, war er ein blendender Gesprächspartner und konnte vor allem zuhören. Er hatte für alles Verständnis und war darauf bedacht, die Meinung des anderen gelten zu lassen. Er war ein Kumpel, doch bei schmutzigen Witzen war bei ihm die „Gaudee“ vorbei und er meinte, dass das unter anständigen Männern, die brave Frauen daheim hätten, doch nicht notwendig sei - und rasch war die Runde wieder bei Feuerwehrthemen.

Hans Schneider war allen immer Freund und Kamerad. Er war nie überheblich oder belehrend. Von Mann zu Mann war mit ihm gut reden. Jederzeit war er zum Helfen bereit. Er hat gerne sein Wissen und seine Erfahrung weitergegeben. Er war beispielgebend.

Neben dem Reichtum an Feuerwehrgeschichte, den er hinterlassen hat, soll den Feuerwehren sein Herzenswunsch ein Vermächtnis sein:

Werte wie Kameradschaft und Menschlichkeit zu pflegen
und niemals unter die Räder des hochtechnisierten Feuerwehrzeitalters kommen zu lassen.

 

_________________________________________

  1. BR Adolf Schinnerl, Adnet, Konsulent des Landesfeuerwehrverbandes Salzburg und Leiter des ÖBFV-Sachgebietes 1.5 Feuerwehrgeschichte und Dokumentation.

 

Ablage unter: Schneider 1 Biografie

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: August 2005/2