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Kurrentschrift

Autor: Adolf Schinnerl (1)

Viele Protokollbücher sind in Kurrent geschrieben. Nur mehr wenige können diese Schrift lesen. Mancher hat sie jedoch in der Schule noch unter „Schönschreiben“ gelernt. Mit einigen Übungen kann man die Schrift rasch erlernen und sich dann in die vorhandenen Unterlagen einlesen. Diese Muster sollen dazu eine kleine Hilfe sein.

Einleitung

Die Kurrentschrift wurde als offizielle Schulschrift im Schuljahr 1941/42 abgeschafft und bis Ende der fünfziger Jahre nur mehr in „Schönschreiben“ weiter vermittelt. Für jüngere Geschichtsforscher und Forscherinnen stellt diese „fremde“ Schrift eine schwierige Hürde dar, da immer seltener im Familien- oder Bekanntenkreis kundige (und geduldige) Vorleser oder Lehrmeister zur Verfügung stehen. Manche haben daher schon zur Selbstschulung gegriffen. Erfahrungsgemäß ist nur der Einstieg mühsam. Nach dem Überwinden der Schwellenangst stellt sich schon nach kurzer Zeit der Erfolg ein. Handschriften tragen aber individuelle Züge, und so wird es nie möglich sein, jede Schrift sofort fließend zu lesen. Je öfter man sich in eine neue Schrift „eingelesen“ hat, um so leichter fällt die Umstellung. Nur durch Übung kann man jene Lesetechnik entwickeln, die – vom Bild der einzelnen Buchstaben unabhängig – Wörter als Ganzes erfasst und die Voraussetzung für müheloses Handschriftlesen darstellt.

Kurrentschrift

ist eine unter Ausbau der Verbindungsmöglichkeiten und Abschleifung der Formen entwickelte, fließende, in der Regel schräggestellte Schrift. Treibend für die Entwicklung ab der Renaissancezeit Ende des 15. Jahrhunderts wirkten die Zunahme der Schreibtätigkeit und der Wunsch, schneller zu schreiben. Ihre Benennung wird mit „Lauf-schrift“ treffend übersetzt (curre kommt aus dem Lateinischen und bedeutet laufen). Sie ist die allgemein gebräuchliche Verkehrsschrift der Neuzeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Die lateinische Kursive (lateinisch cursus = Lauf), aus der sich die heutige Schreibschrift entwickelt hat, wurde bis dahin im deutschen Sprachraum nur für Fremdwörter und Hervorhebungen verwendet.

Literatur

Oberösterreichisches Landesarchiv, Schriftbeispiele Handschriften des 17. – 20. Jahrhunderts, 1994.

Paul Arnold GRUN, Leseschlüssel zu unserer alten Schrift (Görlitz, 1935).

Fritz VERDENHALVEN, Die deutsche Schrift, Ein Übungsbuch (Neustadt a. d. Aisch, 1989).

Karl GLADT, Deutsche Schriftbibel, Anleitung zur Lektüre der Kurrentschrift des 17. bis 20. Jahrhunderts (Graz, o. J.).

Schrift-Vorlagen für den Schulgebrauch, Nr. 265 (Seite 2).

Oberösterreichisches Landesarchiv, Schriftbild 20. Jahrhundert (Seite 3).

Schriftvorlagen ab Seite 4 aus: Fibel nach der analytisch-synthetischen Lesemethode von Alois Fellner und Albert Kundi, kaiserliche Räte und k. k. Bezirksschulinspektoren in Wien, Verlag von A. Pichlers Witwe & Sohn (Wien, 1912).

Schriftmuster Seite 19-22: Protokollbuch der Freiwilligen Feuerwehr Adnet, Land Salzburg (1900 und 1906).

 

Das ABC in Latein- und Kurrentschrift:

 

 

Besonderheiten der Kurrentschrift

Das Alphabet der Kleinbuchstaben hat gegenüber der Normalschrift einen Buchstaben mehr. Für das s gibt es zwei verschiedene Zeichen, das „lange“ und das „runde“ s, letzteres auch „Schluss“-s genannt. Es gibt vier Regeln für die Verwendung dieser beiden Zeichen:

a) Das „lange“ s gehört an den Anfang eines Wortes oder einer Silbe.

b) Das „runde“ oder „Schluss“-s findet sich nur am Wort- oder Silbenende.

c) Die Buchstabenverbindungen (Ligaturen) sch, st, sp und die Verdoppelung ss erfordern stets das „lange“ s.

d) Stehen s und ch, s und p sowie s und t nicht als Ligatur, sondern treffen nur zufällig zusammen, so ist das „Schluß“-s zu verwenden (z. B. Häus-chen, Has-pel, Volks-tum).

Weiters ist zu beobachten, dass Verdoppelungen bei den Buchstaben m und n einfach mit einem darübergesetzten Strich angedeutet sind.

 

Schriftbild 20. Jahrhundert

 

Ast

 

A, s, t, A, A, s, s,

t, t, A, As, Ast,

t, st, Ast, t,

At, As, Ast.

Nest

 

e, N, s, t,

N, Ne, Nes,

Nest, t, st,

est, Nest,

A, e, st, N,

At, est, Nest.

Fisch

 

i, F, sch, i,

i, isch, Fisch,

Fc, Fe, sche,

Fest, Ni=sche,

A=sche, ist,

Fisch, Fi=sche,

Ast, Nest

Rad

 

a, A, R, d, t,

a, ad, Rad, Ra, d,

Rad, Rast, Rest,

ist, Rist, Re=si,

Ni=sche, Fi=sche,

Ast, Nest, Fisch

Dach

 

d, d, t, ch, A, a, i, e,

s, ch, sch, a, ch,

Dach, Fach, A=sche,

ist, ich, da, dich,

Fich=te, Nich=te,

Ni=sche, Fi=sche.

U=hu

 

U, u, h, hu, ch,

hu hu hu, he he he,

ha ha ha, husch,

hat, hast, he da,

ha=sche, hu=sche,

su=che, Rest.

Hund

 

u, H, n, d, Hu, un, nd,

H, h, D, d, N, n,

Hund, Hun=de,

Ha=sen hu=schen.

Hun=de ha=schen.

Ru=di, hast du

den Hund? Nicht?

Mond

 

o, M, n, d, M, m,

o, on, ond, Mond.

Mund, Most,

Mast, Mut,

Met, Rost,

im, um, am,

Mi=mi, Mi=na.

O=fen

 

O, e, f, n,

F, f, e, en, O=fen,

oft, Hof, Huf, Ruf,

Hanf, fest, fast,

ch fin=de dich.

Ru=he sanft!

E=sel

 

E, s, l, E, e,

e, el, sel, E=sel.

El=sa, E=mil, E=di,

Ed=mund, A=dolf,

alt, halt, hal=ten,

le=sen, la=den;

Di=steln dem E=sel!

Ra=be

 

R, a, b, e, Ra=be,

Ra=ben, Re=be, Obst,

Ho=bel, He=bel,

Fi=bel, Fa=bel, Ne=bel,

ob, o=ben, ne=ben.

I=gel

 

I, i, g, e, l,

I=da, Il=se, Ol=ga,

Hu=go, Re=gen,

ng : eng, Ring, Ding,

lang, bang, gut,

I=gel und Ha=se.

Jä=ger

 

ä, Ä, J, j, I, i,

ä, Jä, ge, ger, Jä=ger,

Jagd, Ju=ni, Ju=li,

ja, je=ne, je=ner,

je=de, je=der, re=den,

der Jäger, der I=gel,

ä, Ä, Ast, Ä=ste, Är=mel,

Är=ger, Jä=ger, I=gel.

Schü=ler

 

u, ü, U, Ü, sch, Sch,

s, S, st, St, St.

Schu=le, Schü=ler, Schuld,

Sün=de, Saft, Säf=te,

Sturm, Stür=me, Stä=be,

ü=be, ü=ber, für, fünf,

Ü=bel, Ü=bung, Über=mut.

Vö=gel

 

v, ö, O, Ö, V, g, e, l, V, v.

Vo=gel, Vö=gel,

Va=ter, Vä=ter,

von, vor, an, brav,

O=fen, Ö=fen, Öl,

hö=ren, lö=sen, ö=de,

Jä=ger, Schü=ler, Vö=gel

Wolf

 

o, W, l, f, W, w,

Wöl=fe, Wild, Wald,

Wind, Wand, Weg,

wo? wer? wen? wem?

we=ben, wün=schen,

schw : schwer, schwach.

Wo lebt der Wolf?

Bank

 

a, B, n, k, B, b,

a, Ba, ank, Bank.

Buch, Bad, Bild,

Bin=der, Bir=ken,

Werk, Berg, Fink,

flink, schlank, lang,

kalt, klug, kost=bar.

Maus

(Achtung „Schluss-s“)

 

au, aus, Maus, Mau,

s, s, sch, Sch, St, au, Au.

aus, auch, auf, taub,

Au, Au=ge, Au=gust,

Saum, Staub, Schlauch,

sau=sen, rau=schen,

Haus, Hals, Fels, Hans.

Gei=ge

 

G, g, e, ei, Ei.

Gei=ger, Geist, Gei=er,

ei=ne Gei=ge, ein Gei=er,

mein, dein, sein,

Ei, Eis, Ei=sen, Ei=fer.

Sei nicht ei=tel! Rein

ist schö=ner als fein.

Zie=ge

 

ie, Z, z, ei.

nie, sie, die, wie viel,

vier, sie=ben, schief,

Zie=gen, Dieb, Sieb,

Ziel, Zei=le, Zwie=bel,

zie=hen, zei=gen, Wien,

Wein, Wie=se, Wei=se.

Laib

 

L, ai, b, L, l, ai, Ai.

Laib, Mai, Sai=te,

Wai=se, Mai=kä=fer,

Leim, Laub, Lie=be;

Im Mai blü=hen

die blauen Veil=chen.

Bäu=me

 

äu, B, m, M,

au, Au, Äu.

Baum, Bäu=me. Haus,

Häu=ser, Maus, Mäuse,

Auge, Au=gen, Äug=lein,

träu=men, schäu=men;

An die=sen Obst=bäu=

men hängt rei=fes Obst.

Kreuz

 

K, Kr, Kreu, Kreuz,

K, k, Z, z, Eu, eu.

Kai=ser und Kö=nig,

Ki=sten und Ka=sten,

euch, neu, scheu, treu,

zu, zur, zum, zie=hen,

Eu=le, Eu=gen, E=feu.

Tul=pe

 

u, e, T, l, p, pf, T, t.

Ton, Tür, Tag, Tau,

Tulpen, Lampen,

preisen, prüfen,

Topf, Kopf, Schopf,

Zopf, Töpfe, Köpfe,

hüpfen, zupfen.

Bee=re

 

ee, e, B, r.

ee, aa, oo.

See, Schnee, Tee,

Im Herbste reifen

die Weinbeeren.

Aal, Saal, Haar.

Der Aal ist ein Fisch.

Das Moos ist weich.

Uhr

 

Uh, uh, üh, ih, eh, ah.

uh: Uhr, Huhn, Kuh;

üh, kühl, kühn, Mühle;

ih: ihn, ihm, ihr, ihre;

eh: zehn, Mehl, Gewehr;

ah: kahl, Zahn, Hahn;

oh: Ohr, Lohn, Sohn.

Pup=pe

 

p, P, pf, Pf.

pp: Puppen, Lippe;

nn: Sonne, Mann;

ll: Heller, Teller;

tt: Betten, Schritte, Tritte;

rr: Herren, Herr, dürr;

ff: Schiffe, Affen, Muff;

Pf: Pfau, Pferd, Pflug.

Faß

 

S, s, s, ß, ss, sp, Sp.

Die Fässer, das Faß,

Die Küsse, der Kuß,

heiß, weiß, süß, muß,

gießen, fließen.

Messer, Wasser,

Spiel, Spaß, Spieß,

spießen, springen.

Kat=ze

 

tz - zz

Tatze, Mütze, Schütze,

Satz, Sitz, Spitz, Spatz,

putzen, schützen, krat=

zen, setzen, ritzen,

Herz, Schmerz, Tanz.

Katzen haben scharfe

Zähne und Krallen.

Glocke

 

ck = kk

Glok=ke

Die Stöcke, der Stock,

Die Säcke, der Sack,

locken, schicken, rücken.

Die Glocke tönt hell.

Gibt es Glocken,

welche wachsen?

 

 

Schriftmuster:

Protocoll,

aufgenommen bei der Ausschußsitzung der freiw. Feuer-

wehr in Adnet am

30. Juni 1900.

1. – Die Brunnen-Interessenten stellen bei den

Wechseln vier eiserne Rohre bei; die Feuer-

wehr leistet die Arbeit.

2. – Fotografierahmen werden bestellt.

3. – Die Feuerwehr beteiligt sich beim Kaiserfest

u. zwar schließt sie sich an die Vetera-

nen an.

Adnet am 30. Juni 1900.

Josef Frauenschuh, Johann Ziller,

Schriftführer. Obmann,

Rupert Deisl

Brunnenmeister

 

 

Schriftmuster:

Protocoll

 

aufgenommen am 25. März 1906 bei der VI.

Generalversammlung im Strassgschwandtners

Gasthause.

 

 

Hr Hauptmann Auer begrüßte die Versammlg.

Hr Schriftführer G. Dum verlas den Jahresbericht.

Hr Josef Strassgschwadtner erstattete den Kassa-

bericht der vollkommen richtig befunden u. wurde

genehmigt.

Hierauf erstattete Hr. Frz. Strassgschwandtner

den Bericht über die Mitgliederkasse, welcher

genehmigend zur Kenntnis genommen wurde.

Über Ersuchen der Mitglieder hat sich Hr Frz

Strassgschwandtner bereit erklärt auch per 1906

die Kassierstelle zu übernehmen.

Her Auer Josef wurde wieder einstimmig

zum Hauptmann ernannt.

Zum Stellvertreter wurde ernannt Herr

Lorenz Schnöll

Als Kassier wurde gewählt Hr. Josef

Strassgschwandtner

Als Schriftführer wurde gewählt Hr Dum G.

Zeugwart Hr Alois Deisl

Stellvertr. Joh. Brunauer

Als Rottenführer Anton Leis

Steigerfüher Joh. Krispler

Stellv. Matth. Krispler

Die Mitgliederzahl beträgt 36 Ausübende

 

G. Dum Josef Auer

 

Schriftmuster:

 

Inspizierung.

Wurde am 5 August 1906 vom Gauver-

treter Jacob Fischer vorgenommen,

und drükte derselbe für die gute

und exakte Buchführung, sowie

für die stramme Übung unter

der Führung des Hr Hauptmann Auer

mit seinen Chargen und Manschaften

seine volteste Zufriedenheit aus.

Und wünsche der jungen Wehr

mit der löbl Gemeinde Vorstehung

ein treu deutsches

Gut Heil.

Adnet am 5. August 1906

Jacob Fischer

Gauvertreter.

 

 

Zum Lesen und Schreiben lernen empfohlen: Das Buch

Deutsche Schreibschrift

AUGUSTUS VERLAG, München, 2000,
ISBN 3-8043-0372-2.

 

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  1. BR Adolf Schinnerl, Adnet; Referent des Landesfeuerwehrverbandes Salzburg und Sachbearbeiter des ÖBFV-Sachgebietes 1.5 Feuerwehrgeschichte und Dokumentation.

 

Ablage unter: Kurrentschrift

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: Mai 2000/2