ÖBFV Terminkalender

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Einführung in die Aufgabe der Feuerwehrgeschichte

Nach einem im März 1994 von Dr. Hans Schneider (1) gehaltenen Vortrag
bearbeitet und ergänzt von Adolf Schinnerl (2)

„Vergangene Werte sollen helfen,
künftige Aufgaben zu bewältigen“
(3)

Die Feuerwehr bezieht ihr Selbstverständnis und ihr Selbstbewusstsein nicht nur aus ihrer heutigen Stärke und Tüchtigkeit, sondern auch aus ihrer Tradition. Niemand kann sich mehr vorstellen, wenn es brennt, ein Unfall passiert, eine Katastrophe hereinbricht, oder sich sonst Menschen in Not befinden, dass nicht die Feuerwehr gekonnt und kompetent Hilfe bringt. Die Hilfeleistung der freiwilligen Feuerwehren im Lande und der Berufsfeuerwehren in den Großstädten ist fast zu selbstverständlich geworden. Obwohl sie in den Medien oft präsent sind, kommen sie den Menschen erst dann wirklich ins Bewusstsein, wenn sie vom Einzelnen gebraucht werden. Dass es ein langer Weg war, bis dieser Standard erreicht wurde, ist aber nicht einmal allen Feuerwehrleuten bewusst.

Praktiker und Geschichtsforscher

Wir Feuerwehrleute sind in der Regel mehr Praktiker und weniger Schreibende. Auch gibt es in unseren Reihen wenig gelernte Geschichtsforscher (Studierende aus der Feuerwehrjugend sind da ein kleiner Lichtblick), dafür aber geschickte Feuerwehrmitglieder, und das mehr als man glauben möchte, die sich für die Geschichte und technische Entwicklung des Feuerwehrwesens interessieren. Natürlich ist dafür auch ein Grundwissen und eine Gesamtschau zu dessen Entwicklung erforderlich. In Lehrgängen und Einzelveranstaltungen sollen diese Voraussetzungen vermittelt werden.

Eine wichtige Hilfestellung bietet das

Konzeption des Handbuches:

Die Unterlagen sind als „Lose-Blatt-Sammlung“ im A4-Format konzipiert. Zur Aufnahme ist ein normaler Loch-Ordner vorgesehen und als Register genügt das handelsübliche A4-Einlage-Alphabet. Geordnet wird nach Stichworten, wobei das Wort „Feuerwehr“ nie davor steht, da dieses den Überbegriff bildet. Ein aktuelles Inhaltsverzeichnis soll jährlich erstellt werden.

Inhalt:

Anregungen zum Forschen, Muster zum Archivieren, Dokumentieren, Restaurieren und Ausstellen, Datenblätter zum Erfassen, sowie Forschungsergebnisse, Bibliografien, verschiedene Verzeichnisse, Behelfe usw. bilden den Inhalt der Sammlung. Diese können auch mit landesspezifischen und persönlichen Unterlagen ergänzt werden.

 

Feuerwehrgeschichte

Geschichte ist – ganz allgemein gesehen – Schöpfung und Schicksal des Menschen, der als ihr Träger von ihr abhängig ist und gleichzeitig in ihr wirkt. Seine Geschichtlichkeit ist mit seiner Existenz gegeben!

Darin liegt zugleich das Problem geschichtlichen Denkens, das immer an Personen und Zeit gebunden ist, ebenso wie das der historischen Darstellung, da Geschichte unwiederholbar ist.

Die Beschäftigung mit dem Phänomen Feuer, das Studium aller Maßnahmen, die Menschen im Lauf der Zeit auf dem Sektor des vorbeugenden und abwehrenden Brandschutzes gesetzt haben und schließlich die Auseinandersetzung mit der Institution Feuerwehr sind die wesentlichen Bereiche, die unter dem Begriff Feuerwehrgeschichte subsumiert werden können. 4

Mehr und mehr erkennt man, dass Vereinsgeschichte, damit auch Feuerwehrgeschichte, in hohem Maße

  • Sozialgeschichte
  • Ortsgeschichte
  • Regionalgeschichte und
  • Technikgeschichte

ist.

 

Die eigenen Wurzeln erforschen

Nur wer seine Wurzeln kennt, kann die gegenwärtige Situation verstehen und Perspektiven für die künftige Entwicklung finden – das gilt auch für die Feuerwehr. Naturgemäß hat bei dieser das Hauptaugenmerk dem aktuellen Einsatzgeschehen und den dafür notwendigen Geräten zu gelten. Jede Feuerwehr, die aber daneben auch in irgend einer Form ihre Entstehung und Entwicklung bis in die Gegenwart dokumentieren und zeigen kann, ist zu beglückwünschen. Geschichtsdarstellung und Traditionspflege in Verbindung mit der modernen Einsatztechnik ergeben ein öffentlichkeitswirksames „Schaufenster“.

 

Ortsgeschichte

Die Feuerwehr steht immer im Zentralgeschehen des Ortes bei

  • Gefahren aller Art
  • Bränden
  • Hochwässer
  • Lawinen
  • Unfällen
  • Umweltschäden usw.

allgemein bei

  • Festlichkeiten und im
  • Dorfgeschehen

und durch die ihr angehörenden

  • Persönlichkeiten.

Je mehr die Feuerwehrgeschichte bekannt ist,

  • desto mehr ist sich die Bevölkerung bewusst, wie wichtig die Feuerwehr auch heute noch in allen Krisensituationen ist, und
  • desto selbstbewusster sind die Feuerwehrmitglieder, eine wichtige Stellung im Ort einzunehmen.

 

Unsere Geschichte liegt in den Feuerwehrhäusern

Feuerwehrgeschichte findet man hauptsächlich in den Feuerwehrhäusern oder in den Familien früherer Verantwortungsträger und in den Gemeindeämtern. In den Universitätsbibliotheken und Landesarchiven wird man nach entsprechenden Ergänzungen suchen. Einige wenige Feuerwehren besitzen Aufzeichnungen früherer Chronisten. Die Mehrzahl der Feuerwehren müssen ihre Geschichte aber von Grund auf erforschen. Details aus Protokollbüchern, Kassabüchern, Mitgliederverzeichnissen, Gemeinderatsbeschlüssen und Rechnungsbelegen, ergänzt mit Erzählungen alter Feuerwehrmitglieder, Zeitungsberichten und Eintragungen bei Behörden und Nachbarfeuerwehren ergeben ein komplettes Bild von der Entstehung und Entwicklung einer Feuerwehr.

Leider wird es auch vorkommen, dass derartige Unterlagen im Lauf der Zeit verloren gegangen sind, sei es, dass Feuerwehrkommanden kein Verständnis für das „alte Zeug“ hatten, dieses als wertlos ansahen und daher weggeworfen haben oder auch durch politische Veränderungen, wie das im Jahr 1945 häufig der Fall war und man einfach auch alle alten Dokumente mit denen aus der jüngsten Vergangenheit vernichtete.

Aber auch bei diesen Feuerwehren sind Quellen zu finden, welche eine geschichtliche Darstellung ermöglichen werden.

 

 

Was heute geschieht, ist morgen Geschichte

Glücklich können sich jene Feuerwehren schätzen, deren frühere Schriftführer von Anfang an eine Chronik geführt und die Nachfolger diese jeweils ergänzt haben. Unser Land hat aber in den vergangen hundert Jahren zwei Weltkriege sowie große Umwälzungen erlebt und die Feuerwehren hatten andere Aufgaben zu bewältigen. Daher wurden auch diese Chroniken kaum fortgeführt.

Hat man eine schön und genau geführte Chronik einmal gesehen, kommt man zu der Überzeugung, dass die Erstellung einer solchen sehr sinnvoll ist. Geschichte verbindet man mit Vergangenheit und vergisst dabei gerne, dass das heutige Geschehen morgen auch schon Geschichte ist. Der feuerwehrgeschichtlich Interessierte sollte daher bedenken, dass auch die Führung eine aktuellen Chronik für spätere Generationen sehr wertvoll sein wird, noch dazu, die heutigen Aufgaben auf ein Vielfaches von früher angestiegen sind. Ohne diese kontiunierlichen wahrheitsgetreuen Aufzeichnungen geht nicht nur ein Stück der neuen Geschichte, sondern auch ein Teil der Identität jeder einzelnen Feuerwehr verloren.

 

Nicht nur Papier, sondern auch Technik

Feuerwehrgeschichte findet man nicht nur auf papierenen Unterlagen und Dokumenten, sondern auch an der technischen Entwicklung der Geräte und Fahrzeuge. Die Tatsache, dass sich immer mehr Feuerwehrkameraden in Oldtimer-Gruppen zusammenschließen und mit Begeisterung ihre alten Fahrzeuge und Geräte hegen und pflegen, lässt allgemein ein neues Geschichtsbewusstsein bei den Feuerwehren erkennen. Wenn auch aus Platzmangel die meisten Fahrzeuge bei der Stilllegung auf dem Schrottplatz landeten, sind doch einige wenige Musterstücke zur Freude der heutigen Mannschaft erhalten geblieben.

Aber auch heute werden Fahrzeuge und Geräte außer Dienst gestellt, die in einigen Jahren interessant sein werden. Natürlich können nicht alle Fahrzeuge und Geräte im Feuerwehrhaus gelagert werden, aber Einzelstücke sollten auch aus der jetzigen Generation erhalten bleiben.

So werden zur Zeit die letzten Fahrzeuge mit Eigenaufbauten und die ersten Sonderfahrzeuge verschwinden, die ersten Pressluftatmer, Funkgeräte, Alarmempfänger usw. ausgetauscht und die Einsatzbekleidungen samt Helmen erneuert. Man sollte doch so weit als möglich auch davon einiges aufheben, entsprechend konservieren und lagern.

 

Ausgangssituation der Feuerwehrgeschichtsforschung

Aufgaben der feuerwehrgeschichtlich interessierten Persönlichkeiten sind:

  • die Feuerwehrgeschichte zu erforschen
  • alle Zeugnisse, Dokumente und Fotografien usw.

zu sichern und zu konservieren. Ebenso historische

  • Uniformen,
  • Ausrüstungsgegenstände,
  • Geräte,
  • Maschinen und
  • Fahrzeuge

zu erhalten, schließlich den

  • aktuellen Feuerwehralltag zu dokumentieren und
  • das Ergebnis der Bevölkerung bekannt zu machen.

 

Hindernisse sind:

  • Feuerwehrmänner sind „praxisorientiert“,
  • in ihren Reihen gibt es kaum Fachhistoriker,
  • „Umbruch 1945“,
  • Wiederaufbau und Aufbruchstimmung der fünfziger und sechziger Jahre hat wesentliche Schriftstücke und Einrichtungen verschwinden lassen.

 

Heutige Vorteile:

  • Wiederentdeckung der Geschichte (Nostalgie, Heimatbewusstsein),
  • alte Dinge sind Identifikationsobjekte, nicht mehr altes Gerümpel, das niemand braucht,
  • wachsendes Interesse am Restaurieren, am Funktionstüchtigmachen,
  • Oldtimertreffen,
  • Besitzdenken – gehört uns, geben wir nicht her,
  • in neuen Feuerwehrhäusern werden auch Archiv- und Schauräume eingeplant.

 

Menschliche Voraussetzungen:

  • Neugier – wie war das damals?
  • Wer waren früher Mitglieder und Verantwortliche (Großväter, Väter, Verwandte der heutigen Mitglieder),
    Zeugnisse menschlichen Mühens,
    welche Leistungen und Konflikte gab es,
  • Genauigkeit,
  • Beharrlichkeit,
  • Sachlichkeit (keine Übertreibung bei „Erste“, „Beste“, „Größte“, „Schnellste“ usw.).

 

Zusammenarbeit

So wie sich bei der Bewältigung der Einsätze die verschiedensten Berufe der Feuerwehrmitglieder bewähren, könnten sich diese auch auf örtlicher Ebene beim Archivieren, Erforschen, Dokumentieren, Restaurieren, Aufbewahren und Schaustellen positiv auswirken. Dazu sollten sich die auf den verschiedenen Gebieten feuerwehrgeschichtlich interessierten Mitglieder zu einem Arbeitskreis zusammenschließen.

Die Zusammenarbeit sollte auch auf Abschnitts-, Bezirks- und Landesebene ihre Fortsetzung finden. Hier kann man voneinander viel lernen und sich gegenseitig ergänzen. Archivare, Forscher, Sammler, Restaurateure müssen auf ihren Gebieten kompetent sein. Sie sollten mit den wichtigsten Dokumenten und Realien umgehen und diese in Zusammenhänge stellen können. Sie werden auch als Auskunftspersonen zu Rate gezogen werden.

Wenn wir diese mögliche Vielfalt nützen, können wir unsere eingangs aufgezeigte Schwäche, in der Regel mehr Praktiker und weniger Geschichtsforscher zu sein, wettmachen.

 

Eine fesselnde und dankbare Aufgabe

Jede/r, die/der sich auf Feuerwehrgeschichte, egal auf welchem Gebiet, einlässt, wird bald erkennen, dass das ein vielseitiges Thema ist. Je mehr man sich darin vertieft, um so interessanter wird es. Die Vergangenheit der Feuerwehr wird geradezu lebendig. Es wird so spannend, dass man damit nicht mehr aufhören kann. Man braucht dafür allerdings auch viel Zeit. Wenn uns von Anfang an bewusst ist, auf was wir uns einlassen, werden wir damit viel Freude haben und Anerkennung finden!

 

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  1. OBR Dr. Hans Schneider, Wien; Referent des Landesfeuerwehrverbandes Niederösterreich und erster Sachbearbeiter des ÖBFV-Sachgebietes 1.5 Feuerwehrgeschichte und Dokumentation, (1997.
  2. BR Adolf Schinnerl, Adnet, Referent des Landesfeuerwehrverbandes Salzburg und Sachbearbeiter des ÖBFV-Sachgebietes 1.5 Feuerwehrgeschichte und Dokumentation.
  3. Motto des Burgenländischen Feuerwehrmuseums in Eisenstadt.
  4. Dr. Hans Schneider in „Prometheus“, Heft 1, Juni 1991.

 

Ablage unter: Einführung/Aufgabe Fw-Geschichte

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe:November 2002/2

 

Ablage unter:Einführung i. d. Fw-Geschichte

 

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte Ausgabe: Mai 2000