Die Bedeutung der Fahnen für unsere Feuerwehren

Hans Paarhammer (1)

Das Fest einer Fahnenweihe gehört in der geschichtlichen Entwicklung der verschiedenen Vereine und von zahlreichen Körperschaften sowie Interessensvertretungen zu den ganz großen Höhepunkten des Gemeinschaftslebens. Eine Fahne zählt zu den kostbarsten, schönsten und ausdrucksvollsten Abzeichen einer Körperschaft. Sie  dokumentiert  nicht
nur das Alter und die historisch gewachsene Bedeutung einer Gemeinschaft, sie ist zugleich Sinnbild für unverzichtbare menschliche Tugenden, sie ist Ausdruck des Geistes, der in einer Gemeinschaft herrscht, und somit ein bedeutsames, Identität stiftendes Symbol. Eine Fahne macht fundamentale Werte der Volkskultur sichtbar.

Seit jeher gehören Fahnen zum Gemeinschaftsleben in Dorf und Stadt und gaben immer schon dem festlichen Feiern eine ganz besondere Note. Sie sind Zeichen der Solidarität und des Zusammengehörigkeitsgefühls. Sie drücken eine gemeinschaftsformende Idee aus, sei es in einem Leitspruch, sei es in Jahreszahlen, sei es ganz besonders auch mit Bildern und Symbolen.

Fahnen vermitteln Heimatbewusstsein und Heimatgefühl; sie sind immer ein Symbol der Liebe und Treue gegenüber Gott und den Menschen. Fahnen haben auch eine wegweisende Funktion bei Prozessionen, Umzügen und festlichen Ausrückungen.

Einige Anmerkungen zur Geschichte der Fahne

Vorboten der Fahnen finden sich schon in alter Zeit in den altorientalischen Kulturen, aber auch bei den Griechen und Römern, meist in Verbindung mit Feldzeichen. So findet sich in der Bibel des Alten Testamentes der bedeutsame Satz: „Der Herr sprach zu Mose und Aaron: Alle Israeliten sollen bei ihren Feldzeichen lagern, jede Großfamilie mit einer eigenen Fahne!“ (Num 2,2).
Fahnen waren also Abzeichen der Stammeszugehörigkeit, Zeichen des Kampfes und des Sieges, Zeichen des Fürsten und des Landesherrn. Jeder Stammesangehörige wusste, zu welcher Fahne er gehörte. Somit war die Fahne auch weithin sichtbares Zeichen für den Platz, wohin einer sich zu begeben und wo er sich einzuordnen hatte.
Ebenso findet man bei den germanischen Völkern Fahnen als Herrschaftssymbole und Stammesabzeichen.

Das Christentum und damit die christliche Kultur gaben den Fahnen einen neuen Sinn und viele Impulse zur künstlerischen Ausgestaltung. Kreuz und Christusmonogramm, in späterer Zeit die Bilder und Attribute von Heiligen, von Kirchen und heiligen Stätten, von christlichen Symbolen wie z.B. Palme, Taube, Fisch schmückten die Felder der beiden Seiten der Fahnen. So wurde die Fahne mehr und mehr zu einem kostbaren „Schmuckstück“ einer Gemeinschaft. Solche „Bildfahnen“ wurden auf diese Weise zum sichtbaren Zeichen für das Vertrauen in den Schutz und die Fürbitte eines himmlischen Patrons und sollten die geistliche Freundschaft zwischen Himmel und Erde sichtbar unter Beweis stellen.

Lebenserfahrung und vom Glauben getragenes Vertrauen haben in der christlichen Kunst bestimmten Heiligen gerne eine Fahne in die Hand gegeben als Symbol für Ritterlichkeit und Tapferkeit wie z.B. bei Florian und Georg. Deshalb kommt der Fahne bei der Feuerwehr eine vielfältige Symbolkraft zu. Dem von den Toten auferstandenen Heiland der Welt wurde zum Zeichen des Sieges über den Tod eine Fahne als Attribut beigegeben: Die Fahne will auf den „Herrn über Leben und Tod“ hinweisen.

Der jeweilige Zeitgeschmack führte im Laufe der Jahrhunderte zu prunkvollen Ausgestaltungen der Fahnen. Man verwendete kostbarste Stoffe und verzierte mit prächtigen Ornamenten und Farben den Fahnenrand.

Bei Prozessionen, Festumzügen und Flurbittgängen wurden, wie schon erwähnt, Fahnen zu unverzichtbaren Zeichen der Festlichkeit und der Identität des zu feiernden Ereignisses. Weil Fahnen in den religiösen Kult miteingebunden waren und zur „Visitenkarte“ verschiedener Formen gemeinschaftlicher Volksfrömmigkeit wurden, kam dem Fest einer Fahnenweihe zunehmend mehr an Bedeutung zu.


Die symbolische Bedeutung einer Fahne

  1. Die Fahne steht für Zusammengehörigkeit und kameradschaftlichen Gemeinschaftssinn. Sie ist Ausdruck der uns Menschen innewohnenden Sehnsucht, nicht allein zu sein, sondern Menschen um sich zu haben, die füreinander einstehen und miteinander bestimmte Ziele und Ideale verfolgen.
  2. Die Fahne ist Symbol unverzichtbarer Werte und Tugenden. „Einer trage des anderen Last“ sagt uns die Bibel. Wer hinter der Fahne steht und geht, weiß auch um den tieferen Sinn des Jesus-Wortes: „Es gibt keine größere Liebe, als dass einer sein Leben einsetzt und hingibt für seine Freunde!“ (Joh 15,13).
  3. Die Fahne ist Symbol der Treue: Gemeint ist Treue zur Heimat, zu den eigenen Überlieferungen der Gemeinschaft, zu dem uns anvertrauten Land und seinen Leuten, zu den edlen Gewohnheiten und schönen Bräuchen. Treue gelingt nur dann, wenn wir um die geschichtlichen Zusammenhänge wissen und wenn wir uns bewusst bleiben, dass wir vor Gott und vor den Menschen Verantwortung tragen. Diese Treue zur Fahne und damit zur menschlichen Gesellschaft und Gemeinschaft ist besonders gefordert, wenn unsere Mitmenschen mit ihrem Hab und Gut in Gefahr geraten und dringend Beistand und Hilfe brauchen. So ist eine Feuerwehrfahne im besonderen auch stets ein Anruf zur ständigen Bereitschaft, wo und wie es nur geht, zu helfen, beizustehen, zu retten, zu löschen, Gefahren hintanzuhalten.
  4. Die Fahne ist Symbol der Ehrfurcht. Diese Ehrfurcht wird durch das Neigen und Senken der Fahnen zu bestimmten Momenten und Anlässen, besonders bei Gottesdiensten und Gedächtnisfeiern deutlich gemacht. Sie wird gesenkt oder neigt sich, wenn das Evangelium, also das Wort Gottes, verkündet wird. So wird das Senken der Fahne zum sichtbaren Ausdruck: Hier hören die Menschen auf das, was Gott ihnen sagt. Diese Ehrfurcht wird bezeugt weiters bei der Wandlung: Dies bedeutet Ehrfurcht und Anbetung gegenüber dem in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtigen Erlöser der Welt. Die Fahne neigt sich beim Segen, den der Priester über das Volk spendet. So wird diese Form der Reverenz zum Zeichen der Demut und des Gottvertrauens im Sinne des alten Volksspruches: An Gottes Segen ist alles gelegen. Genauso wird die Fahne gesenkt beim feierlichen Segen mit dem Allerheiligsten zu Fronleichnam und Erntedank und zu anderen ortsüblichen kirchlichen Segnungen, zu denen die Feuerwehr mit ihrer Fahne ausrückt. Auch wird die Fahne gesenkt, wenn das Allerheiligste vorbeigetragen wird. Ebenso neigt sich die Fahne, wenn ein hoher Ehrengast empfangen wird und die zu seiner Begrüßung angetretene Gemeinschaft abschreitet. Die Fahne neigt sich, wenn das Lied vom guten Kameraden gespielt wird. Sie wird schließlich gesenkt über dem Grab eines Feuerwehrkameraden oder zum Abschied von einer Persönlichkeit, die in enger Verbundenheit mit der Feuerwehr gelebt hat. Ebenso wird die Fahne gesenkt, wenn die Landes- oder Bundeshymne erklingt; dies besagt Ehrfurcht und Treue gegenüber Heimat und Vaterland.
  5. Die Fahne ist ein Bekenntnis: Und das nicht nur im religiösen Sinn! Bild und Schrift sind immer Ausweis dafür, zu welchen Werten sich eine Gemeinschaft bekennt, welchen Schutzpatronen man sich vertrauensvoll verbunden weiß, welchem kulturellen Erbe man sich treuhänderisch verpflichtet fühlt. So ist die Feuerwehrfahne auch ein Zeichen des Vertrauens in den Schutz und die Fürbitte des heiligen Florian. Immer schon haben die Menschen gerne einem Glaubensgeheimnis oder einem Heiligen eine hohe Schutzfunktion, ein sogenanntes „Patronat“, zugedacht. Eine „Florianifeier“ ist daher Jahr für Jahr nicht nur eine Selbstverständlichkeit für die „Florianijünger“, sondern auch „heilige Zeit“, sich der Patronanz dieses besonderen Nothelfers zu unterwerfen.
  6. Die Fahne ist ein Auftrag und Anruf zugleich: In Treue und Zuverlässigkeit dem Wahren, Guten und Schönen zu dienen. „Einer schätze den anderen höher ein als sich selbst; jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen!“ (Phil 2,3 f.). Dieses Wort des Apostels Paulus gibt Wegweisung und Mahnung zugleich, über sich hinauszuwachsen und ein Mensch mit Sensibilität für die „Mitwelt“ zu werden.
  7. Die Fahne ist Symbol des Lebens und der Lebensfreude, der Geselligkeit und des Frohsinns. Fest und Feier sollen „die Gutheißung der Welt und des Menschen auf unalltägliche Weise erhebend bewirken“ (Josef Pieper) und uns helfen, unseren Lebenswandel in Freude und Dankbarkeit zu gestalten. Deshalb sind Fahnen wichtige „Festabzeichen“ für das „Gutsein“ der Schöpfung, insbesondere des Menschen.
  8. Fahnen sind Wegweiser zum Himmel, so wie ein Kirchturm: Deshalb werden sie bei Prozessionen und Umzügen in der Regel aufrecht getragen. Sie weisen auf das ewige Ziel hin und wollen uns aufmerksam machen auf unsere Berufung, vom irdischen Pilgerstand in die ewige Glückseligkeit der Gemeinschaft der Heiligen zu gelangen.
  9. Fahnen sind immer auch Zeichen der Erinnerung an denkwürdige Ereignisse der Vergangenheit. Jahreszahlen und Sinnsprüche auf der Fahne manifestieren das Selbstverständnis einer Gemeinschaft und bewahren uns vor dem Vergessen historischer Fakten.
  10. Fahnenbänder sind ein Symbol der gegenseitigen Verbundenheit über einen Verein hinaus. Es ist ein guter alter Brauch, bei Gründungsfesten oder Jubiläen solche Fahnenbänder mit Gastvereinen und anderen Gemeinschaften auszutauschen und als Zeichen fester Verbundenheit über ein Fest hinaus zur Erinnerung mitzugeben. Kostbare Fahnenbänder werden gelegentlich von der Fahnenmutter oder von den Fahnenpatinnen gestiftet und sollen für immer davon künden, dass es stimmt, was das Bibelwort meint: „Über alles aber habt die Liebe, sie ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht!“


Zusammenfassende Schlussbemerkung:

Es gehört zum berechtigten „Stolz“ einer Körperschaft, eine eigene Fahne zu haben. Schon immer gilt es als Ehrensache großherziger Wohltäter, eine hohe Summe Geldes auszugeben, damit für eine Gemeinschaft eine kostbare und schöne Fahne angeschafft werden kann. Nicht nur unter materiellen Gesichtspunkten ist eine Fahne eine Kostbarkeit, sie ist es auch unter ideellen Aspekten. Zudem ist jede Fahne ein „Unikat“, d.h., es gibt sie kein zweites Mal. Dieser Einzigartigkeit muss unsere Wertschätzung und Hochachtung gegenüber den unverzichtbaren Werten entsprechen, von denen unsere Vereine und Gemeinschaften zusammengehalten werden.

Letztlich ist und bleibt es Herzenssache, wie es einer versteht, sich bemüht und einsetzt, dass in einer sich rasch wandelnden Zeit und Gesellschaft jene unverzichtbaren Werte erhalten und immer wieder neu bewusst gemacht werden, die da heißen: Liebe – Freude – Friede – Langmut – Freundlichkeit – Güte – Treue – Sanftmut – Selbstbeherrschung.

Aus dem richtigen Verstehen des Symbols und der Bedeutung einer Fahne kommen diese Werte und Früchte, ohne die eine Körperschaft auf Dauer nicht bestehen kann. Es sind tragende Werte unseres menschlichen Zusammenlebens, unserer Solidarität, unseres „Wir-Gefühls“.

Es liegt etwas Heiliges in dem alten Fahnenspruch, den traditionsgemäß ein Fähnrich bei der Übernahme einer neugeweihten Fahne als Gelöbnis stellvertretend für alle spricht:

Ich übernehme die Fahne und halte sie fest, auf dass keiner von uns die Fahne verlässt!

 

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  1. Prälat Univ.-Prof. Dr. Hans Paarhammer, Salzburg, Landesschützenkurat.


Ablage unter: Fahnenbedeutung

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: Februar 2005/2


Ablage unter: Aufgabe d. Fw-Geschichte

Handbuch zur Feuerwehrgeschichte - Ausgabe: Mai 2000